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Forschungsgegenstand

Mit Inkrafttreten des Glückspielstaatsvertrags (GlüStV) im Jahr 2008 wurde erstmals ein rechtlicher Rahmen für Spielerschutzkonzepte in Deutschland geschaffen. Seither sind staatlich konzessionierte Glücksspielanbieter gemäß § 6 GlüStV verpflichtet, Konzepte zu entwickeln, die darlegen, mit welchen Maßnahmen den sozialschädlichen Auswirkungen des Glücksspiels vorgebeugt wird und wie diese behoben werden sollen.

Seit dem Jahr 2008 entwickeln und erforschen wir an der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie präventions- und interventionsorientierte Spielerschutzkonzepte. Unser interdisziplinäres Team bestehend aus Diplom-Psychologen, Medizinern, Gesundheitskommunikationswissenschaftlern und Gesundheitswissenschaftlern berät und begleitet staatlich konzessionierte Glücksspielanbieter bei der Entwicklung, Implementierung und Evaluierung praxistauglicher Spielerschutzkonzepte. Als einzige Einrichtung in Deutschland hat das Kompetenzzentrum Spielerschutz & Prävention ein gerichtlich anerkanntes Verfahren zur Durchführung einer Diagnostik im Rahmen der Aufhebung der Spielersperre entwickelt.
Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitforschung führen wir Mitarbeiter- und Spielerbefragungen sowie eine Studie zur Evaluierung des diagnostischen Verfahrens zur Aufhebung von Spielersperren durch.

Forschungsprojekte

1. Glücksspielkultur in Deutschland und Implikationen für den Spielerschutz: Eine repräsentative Untersuchung am Beispiel rheinland-pfälzischer Lottokunden

Seit Inkrafttreten des GlüStV sind staatlich konzessionierte Glücksspielanbieter verpflichtet, Spielerschutzkonzepte und Maßnahmen der universellen, indizierten und selektiven Prävention umzusetzen. Der Deutsche Lotto- und Totoblock mit seinem weitverbreiteten Vertriebsnetz hat in den vergangenen 10 Jahren maßgeblich dazu beigetragen, bundesweite Standards für den Spielerschutz zu setzen. Darüber hinaus hat Lotto das Potential weite Teile der Bevölkerung mit primärpräventiven Spielerschutzmaßnahmen zu erreichen und Wissen und Einstellungen bezüglich einer Glücksspielteilnahme bzw. die Spielkultur in Deutschland zu prägen.

Die hohe gesellschaftliche  Akzeptanz von Lottoprodukten und deren weite Verbreitung bieten ideale Voraussetzungen, um glücksspielbezogenes Wissen, Einstellungen und Verhalten - hier auch die Anwendung präventiver Verhaltensregeln - zu identifizieren, um damit die Spielkultur der allgemeinen Bevölkerung zu beschreiben, Aussagen über die Akzeptanz bzw. Wirksamkeit von Präventionsbotschaften zu treffen sowie eine zielgruppenadäquate Weiterentwicklung der Spielerschutzmaßnahmen zu ermöglichen.

Mit Hilfe einer repräsentativen Erhebung im Vertriebsnetz von Lotto Rheinland-Pfalz sollen mittels eines theoriegeleiteten Fragebogens online und offline die glücksspielbezogene Einstellungen und Überzeugungen bezüglich einer Glücksspielteilnahme identifiziert werden. Es soll analysiert werden, wie bekannt die zentralen präventiven Botschaften für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Glücksspiel sind, welche Motive für die Teilnahme bestehen und wie hoch der Anteil von Problemspielern ist.  Ferner soll untersucht werden ob Lottokunden selbstlimitierende Strategien nutzen und ob es Unterschiede zwischen Online-Kunden und Kunden in den Annahmestellen gibt.

Laufzeit: 2019-2020

Förderung: Lotto RLP

2. Telefonische Beratung für Glücksspielsüchtige: Akzeptanz und Nutzung der Mainzer Hotline Verhaltenssucht

Telefonische Beratungsangebote (Hotlines) stellen weltweit eine zentrale Maßnahme der indizierten Glücksspielsuchtprävention dar [Kalke et al., 2012]. Merkmale von Hotlines wie Anonymität, Distanz, geringer Zeitaufwand, keine oder geringe Kosten, Standortunabhängigkeit und Flexibilität sollen dazu beitragen, Zugangsbarrieren abzubauen und Betroffenen und Angehörigen den Weg in das Suchthilfesystem zu erleichtern [Meyer & Bachmann, 2011].
Seit Oktober 2007 bietet die Klinik und Poliklinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsmedizin Mainz, eine bundesweite, kostenlose und auf Wunsch anonyme telefonische Beratung für Betroffene und Angehörige mit dem Schwerpunkt problematisches Glücksspiel- und Computerspiel-/Internetverhalten an. Die Hotline wird von therapeutisch weitergebildeten klinischen Psychologen betreut und ist sowohl Informations- als auch Krisenhotline. Sie ist von montags bis freitags von 12 bis 17 Uhr erreichbar. Ziele des Hotline-Angebotes sind die niedrigschwellige Beratung und Vermittlung an weiterführende Beratungs- und Behandlungseinrichtungen in Wohnortnähe des Betroffenen. Das telefonische Beratungsangebot soll Krankheitseinsicht und Veränderungsmotivation fördern und die Schwellen abbauen, weiterführende Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen.

In Deutschland sind staatlich konzessionierte Glücksspielanbieter seit dem Jahr 2008, gesetzlich verpflichtet, eine bundesweit einheitliche Telefonberatung anzubieten (§ 6 GlüÄndStV). Forschung zur Inanspruchnahme und den Effekten eines solchen Angebotes fehlen jedoch bislang.

Die Auswertung der Anrufe auf der Hotline Verhaltenssucht (Auswertungszeitraum 2013-2016) an der Klinik und Poliklinik für Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie, Universitätsmedizin Mainz, will dazu  beitragen, ob und in welchem Umfang telefonische Beratungsangebote, Glücksspielsüchtigen den Weg in das Suchthilfesystem bahnen.

Laufzeit:
2017 (abgeschlossen)

Förderung: Keine.

Publikationen:
Aster, R., Quack, A., Wejbera, M., Beutel, M. E. (2018). Telefonische Beratung für Glücksspielsüchtige - der heiße Draht ins Hilfesystem? Akzeptanz und Nutzung der Mainzer Hotline Verhaltenssucht. Gesundheitswesen, DOI doi.org/10.1055/a-0592-7006.

3. Evaluation der Mainzer Risikopotenzial-Untersuchung zur Glücksspielnutzung (MARUGSN):  Diagnostik zur Einschätzung der Glücksspielsucht-Gefährdung im Kontext des Antrags auf Aufhebung der Spielersperre

Seit Inkrafttreten des Glücksspielstaatsvertrages im Jahr 2008 sind die Spielersperre und das Recht auf deren Wiederaufhebung gesetzlich verankert. Die Entscheidung über die Aufhebung oder Beibehaltung der Sperre obliegt dabei ausschließlich dem Glücksspielanbieter, der die Sperre entgegengenommen bzw. veranlasst hat. Ein Gerichtsurteil von 2011 nimmt Anbieter darüber hinaus in die Pflicht, eine Aufhebung nur mit hinreichend sicherem Nachweis zu veranlassen, wenn keine Spielsuchtgefährdung mehr vorliegt und der Spieler zu einem kontrollierten Spiel in der Lage ist.

Das Kompetenzzentrum Spielerschutz & Prävention hat im Jahr 2009 deutschlandweit erstmalig ein wissenschaftlich fundiertes, diagnostisches Verfahren zur Einschätzung des Gefährdungspotentials bei Aufhebung einer Spielersperre gem. § 8 GlüStV entwickelt. Ziel der Mainzer Risikopotenzial-Untersuchung zur Glücksspielnutzung (MARUGSN) ist es, den individuellen Gefährdungsgrad eines gesperrten Spielteilnehmers bei erneutem Zugang zu Glücksspielangeboten einzuschätzen. Die Einteilung des Gefährdungsgrades erfolgt in den Stufen „gering“, „mittel“ und „hoch“. Die Befunde der diagnostischen Stellungnahmen dienen als Entscheidungsgrundlage für Glücksspielanbieter, eine Spielersperre aufrechtzuerhalten oder aufzuheben.

Eine wissenschaftliche Evaluation dieses oder überhaupt eines solchen Verfahrens steht bislang aus. Anhand von ausgewählten Indikatoren (Abgleich mit der Einschätzung bzw. Entscheidung der Spielbank hinsichtlich Aufhebung oder Beibehaltung der Spielersperre, Quote erneuter Sperren und Auffälligkeiten nach erfolgter Aufhebung, Vergleich des Spielverhaltens vor, während und nach der Spielersperre sowie Akzeptanz der Sperre und ihrer Alternativen) soll die Nutzbarkeit und Akzeptanz des Mainzer Risikopotenzial-Untersuchung zur Glücksspielnutzung (MARUGSN) geprüft werden.

Laufzeit:
2016-2018

Förderung:
Drittmittel staatlich konzessionierte Glücksspielanbieter

Publikationen:

Wejbera, M., Müller, K. W., Becker, J., Beutel. M. E. (2017). The Berlin Inventory of Gambling behavior – Screening (BIG-S): Validation using a clinical sample. BMC Psychiatry, 17, 188.

4. Spielerbefragung zur Akzeptanz und Nutzung präventiver und interventionsorientierter Spielerschutzmaßnahmen in der Praxis

Die Durchführung von Spielerbefragungen zur Akzeptanz und Nutzung universeller, selektiver und indizierter Spielerschutzmaßnahmen sind ein wichtiges Steuerungsinstrument für die Qualitätssicherung und Weiterentwicklung der umgesetzten präventions- und interventionsorientierten Maßnahmen in der Praxis.

Obgleich gesetzlich verankert, existieren insbesondere im deutschsprachigen Raum derzeit nur wenige Forschungsbefunde zur Wirksamkeit von Spielerschutzangeboten. Im Rahmen der Spielerbefragungen werden Akzeptanz und Nutzung von Spielerschutzangeboten erfasst und mit glücksspielbezogenen Kognitionen sowie den Glücksspielverhaltensmerkmalen der Befragungsteilnehmer in Beziehung gesetzt. Dabei wird auch der Frage nachgegangen, inwieweit soziodemografische Faktoren wie Geschlecht, Alter, Nationalität und Bildungshintergrund die Akzeptanz und Nutzung von Spielerschutzmaßnahmen beeinflussen.

Ziel der Befragung ist es, anhand empirischer Daten konkrete Anhaltspunkte für eine zielgruppenadäquate Weiterentwicklung von Spielerschutzkonzepten und Einzelmaßnahmen zu erhalten.

Laufzeit: seit 2012 fortlaufend

Förderung:
Drittmittel staatlich konzessionierte Glücksspielanbieter

5. Evaluierung von Personalschulungen

Handlungskompetente Mitarbeiter sind eine wesentliche Voraussetzung für gelingenden Spielerschutz. Neben fundierten Kenntnissen im Hinblick auf die Entstehung, Aufrechterhaltung und Erkennungsmerkmale der Glücksspielsucht kommt der Vermittlung kommunikativer Kompetenzen zur Ansprache auffälliger Spielteilnehmer in der Praxis ein besonderer Stellenwert zu.
Ziel von Mitarbeiterbefragungen ist es, den Wissensstand und Wissenszuwachs der Mitarbeiter hinsichtlich der geschulten Inhalte zu erheben. Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitforschung werden Teilnehmer der Mitarbeiter-Grundschulungen zum Thema Glücksspielsucht und Spielerschutz vor und nach erfolgter Schulungsmaßnahme mittels standardisiertem Fragebogen befragt.
Die Befragungsergebnisse werden im Rahmen eines kontinuierlichen Prozesses in das Schulungskonzept des Glücksspielanbieters integriert.

Laufzeit:
seit 2008 fortlaufend

Förderung:
Drittmittel staatlich konzessionierte Glücksspielanbieter