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Erfahrungsbericht 6. Semester von Judith Riedesser

(2010-07) Als wir uns alle am 22. Februar 2010 in der Lehranstalt wiedersahen, konnten wir es kaum glauben: mit Beendigung unseres letzten Praktikums, welches im Bereich Redeflussstörungen zu absolvieren war, hatten wir schon fünf Sechstel der Ausbildung hinter uns gebracht. Die letzten zweieinhalb Jahre vergingen wie im Flug und es war erstaunlich, was wir in dieser Zeit alles gelernt und erlebt hatten.

Zum einen war im Kurs nun eine gewisse Vorfreude darauf zu spüren, nach nur noch einem weiteren Semester endlich ins Berufsleben starten zu können, auf der anderen Seite schauten wir den nächsten Monaten mit Respekt und Aufregung entgegen. Wir befanden uns nun am Start des Endspurts und noch einiges war auf diesem Weg zu leisten.

Im Vergleich zu den bisherigen Semestern wies unser Stundenplan viele freie Stellen auf und oftmals hatten wir nur noch einmal am Tag Unterricht. Ebenso stand für dieses Semester keine KFH-Einheit auf dem Programm, sodass wir uns ausschließlich den Aufgaben der Lehranstalt widmen konnten. Der Schwerpunkt unserer Tätigkeit hatte sich hierbei deutlich auf die Planung und Durchführung der Therapien sowie die Examensvorbereitung verschoben, bei der wir uns zunächst hauptsächlich auf die schriftlichen Prüfungen im April konzentrierten. Nachdem die einzelnen Dozenten innerhalb eines Repetitoriums einerseits den zu lernenden Stoff eingrenzten und wir ebenso noch Fragen zur Prüfung stellen konnten, konnten wir gezielt anfangen uns mit den prüfungsrelevanten Themen auseinanderzusetzen, was bei einigen von uns einen Rekord im Karteikartenschreiben auslöste. Mit jedem Tag der verging, rückte nun also der erste Teil des Examens näher. Nach dem Motto „Fit for fun“ bereiteten wir uns auf die schriftlichen Prüfungen vor, welche Mitte April in der Lehranstalt auf uns warteten. Ebenso wartete dort an diesen Tagen im Aufenthaltsraum auf uns ein Süßigkeiten-Buffet, welches der Mittelkurs liebevoll für uns ausgerichtet hatte und uns damit die beiden Prüfungstage im wahrsten Sinne des Wortes versüßte. Nachdem dienstags das Examen mit dem Fach Logopädie begann, folgten Neurologie mit Psychiatrie und Gesetzes- und Berufskunde sowie mittwochs noch Phoniatrie und Audiologie mit Pädaudiologie. Als wir am Mittwoch nach der letzten Prüfung unsere Stifte niederlegten, konnten wir es zunächst nicht glauben, dass wir schon einen Teil des Examens hinter uns gebracht hatten, genossen aber die Erleichterung, die sich anschließend einstellte. Nun hieß es: kurz erholen und neue Kräfte sammeln. Einige von uns widmeten sich jetzt zunächst der Zulassungsarbeit, die noch geschrieben werden wollte bzw. deren Feinschliff noch zu erbringen war, andere begannen mit der Vorbereitung für die praktischen und mündlichen Prüfungen und manche von uns versuchten, beides parallel zu organisieren. Außerdem stand schon langsam die Planung für unsere Examensfeier an, deren Kasse wir finanziell durch Waffel- und Kuchenverkauf im Foyer des Pulverturms aufbesserten.

Innerhalb der praktischen Prüfungen fand zunächst Mitte Mai eine Diagnostikprüfung statt. Hierbei führten wir bei einem uns nicht bekannten Patienten eine Diagnostikstunde durch und verfassten anschließend einen logopädischen Bericht sowie einen Therapie- und Rahmenplan. Das Besondere, was mit dieser Prüfung kam war, dass wir nach fast drei Jahren Ausbildung nun das erste Mal ganz alleine für einen Patienten verantwortlich waren. Dadurch bekamen wir einen Eindruck, wie sich eine klassische Therapie, bei der in der Regel nur Patient und Logopäde anwesend sind, später im Berufsalltag gestalten kann. Mit diesem Patient führten wir nun zehn Therapieeinheiten durch, die elfte Stunde stellte die erste Therapieprüfung dar. Die zweite Therapieprüfung erfolgte einige Tage später ebenfalls mit einem unbekannten Patienten. Zu beiden Therapieprüfungen gehörte neben der Stunde an sich auch eine anschließende Reflektion mit den jeweiligen Prüfern. Und wieder kullerte ein kleiner Kiesel von unseren Herzen und wir konnten es kaum erwarten, den ganzen Steinbruch einstürzen zu sehen. Bald war es geschafft! Die Vorstellung, uns Logopäden nennen zu dürfen, trieb uns nun auch noch die letzten Tage voran. Das Ziel war schon so nah. Nun hieß es noch, die inzwischen vollendete Zulassungsarbeit schulintern zu präsentieren, um unseren Kurskollegen, dem Mittel- und Unterkurs sowie den Lehrlogopäden einen Einblick in unsere Arbeit geben zu können.

Sowohl vor den schriftlichen, als auch vor den mündlichen Prüfungen hatte sich in unserem Kurs am Abend vor der ersten Prüfung eine gemeinsame „Henkersmahlzeit“ eingebürgert, bei der wir vergebens versuchten, nicht über die anstehenden Prüfungen zu sprechen. Trotzdem konnten wir dabei erkennen, dass wir alle in einem Boot saßen und das Schiff schon irgendwie schaukeln würden. Als wir also die Lehranstalt am ersten Tag der mündlichen Prüfungen erreichten, war für jedes zu prüfende Fach ein Therapieraum vorbereitet. Und dann ging es los: mittels eines gut organisierten Zeitplans sah man uns der Reihe nach aus der einen Tür herauskommen und nach einer Pause, welche die meisten von uns zum Lernen im Park nutzten, in den nächsten Raum hineingehen. Von Prüfung zu Prüfung brachten wir einen weiteren Teil des Examens hinter uns, und wir konnten auf unserer mentalen Liste wieder einen Stichpunkt abhaken. In diesen Tagen kreisten auch die Erinnerungen an die gesamte Lehranstaltszeit um uns. Alles hatte mit einer Prüfung (dem Eignungstest) begonnen und alles sollte mit der Examensprüfung enden.

Der Dienstagabend sollte also die letzten Stunden darstellen, in denen wir nochmals den Stoff für Mittwoch wiederholten!? Diese Vorstellung erschien sowohl skurril als auch aufpuschend, unsere Kräfte nun noch ein letztes Mal zusammen zu nehmen.

Und dann kam der Moment, auf den wir so lange gewartet hatten: die letzte Prüfung war vorbei, und obwohl wir noch keine Ergebnisse hatten, kamen einigen von uns schon jetzt Tränen der Erleichterung, ganz langsam konnte sich die Anspannung lösen. Nun hieß es warten. Ungefähr zwei Stunden und einen Sekt später kamen die Lehrlogopäden zu uns und baten uns alle im Seminarraum Platz zu nehmen… Das bedeutete, wir hatten es alle geschafft, wir waren Logopäden, der Steinbruch konnte nun einstürzen!! Mit Stolz nahmen wir unsere Urkunden und Zeugnisse entgegen und genossen in der Gemeinschaft, die uns die letzten drei Jahre begleitet hatte, den Moment – soweit er für uns überhaupt schon fassbar war.

Die Tage danach verbrachten wir einerseits mit feiern, ausruhen, aber auch um unsere Examensfeier vorzubereiten, die wir gemeinsam mit unseren Eltern und Freunden sowie den Lehrlogopäden und anderen Kursen verbrachten und somit einen schönen Abschluss der Lehranstaltszeit erlebten. Für acht aus unserem Kurs geht es im Oktober mit dem Studium der Logopädie an der Katholischen Fachhochschule weiter. Nach weiteren drei Semestern wollen wir dann auch unseren Bachelor in Logopädie feiern. Aber das ist ein anderes Kapitel.

An dieser Stelle bleibt uns nur noch, den Lehrlogopäden und Dozenten für die vielen Erfahrungen zu danken und allen nachfolgenden Kursen für die Ausbildung alles Gute zu wünschen. Ihr schafft das!