Forschung
- Frühdiagnose von Störungen der Sprachentwicklung
- Genetische Faktoren als Ursache von spezifischen Sprachentwicklungsstörungen
- Standardisierte Überprüfung der Mundmotorik von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen oder einer Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte (LKGS) mit dem NOT-S (Nordic Orofacial Test-Screening)
- Entwicklung eines neuen Mainzer I Tests zur Sprachaudiometrie bei Kindern
- Frühe audioverbale Entwicklung: Entwicklung eines Fragebogens für die Erfassung der frühen verbalen Sprachentwicklung
- Entwicklung einer zeitoptimierten, frequenzspezifischen objektiven
Erregungsschwellenbestimmung mittels low- und middle-Chirp-BERA
bei Säuglingen und Kleinkindern - Funktionelle (psychogene) Hörstörung im Kindesalter
- Hörstörungen bei Patienten mit Aphasie
- Morphologische Veränderungen des lymphatischen Rachenrings bei Mukopolysaccharidosen
- Langzeitkohorte der Mainzer Forschungsgruppe
- Interdisziplinäres Zentrum Klinische Studien (IZKS)
Frühdiagnose von Störungen der Sprachentwicklung
Mit dem SBE-3-KT , einem Elternfragebogen zum Sprachscreening bei 3jährigen Kindern, wird in einer gut charakterisierten, populationsbezogenen Kohorte von Kindern überprüft, ob zuvor erfasste Ausgangsvoraussetzungen der Kinder (z. B. Frühgeburtlichkeit, junges Alter der Mutter) die Wahrscheinlichkeit einer Sprachentwicklungsstörung erhöhen. Bei der Mehrzahl der Kinder wird der SBE-3-KT ein Ergebnis bringen, das erwarten lässt, dass bei dem jeweiligen Kind eine normale Sprachentwicklung abläuft. Dies wird den teilnehmenden Eltern mitgeteilt. Die Kinder, die mit einem auffälligen Ergebnis im SBE-3-KT abschließen, werden zu einer ausführlichen Sprachuntersuchung nach Mainz eingeladen.
Kindern, bei denen auch in der ausführlicheren Untersuchung ein auffälliges Ergebnis bleibt, können an einer speziell für diese Gruppe entwickelten Sprachtherapie teilnehmen, wenn sie in der Nähe von Mainz wohnen. Um den 4. Geburtstag werden alle Kinder ausführlich untersucht, die im SBE-3-KT auffällig gewesen waren, sodass ein Vergleich der behandelten mit den nicht behandelten Kindern möglich ist.
Projektleiter: Univ.-Prof. Dr. Annerose Keilmann, Anne Fabian, Michèle Rosenmeyer, PD Dr. Annette Queißer-Wahrendorf, Dr. Awi Wiesel, Univ.-Prof. Dr. Maria Blettner
Genetische Faktoren als Ursache von spezifischen Sprachentwicklungsstörungen
Die spezifische Sprachentwicklungsstörung (SSES) wird als Diskrepanz zwischen der Sprach-entwicklung und der allgemeinen Entwicklung, gemessen an der nonverbalen Intelligenz, definiert. Verschiedene Metaanalysen weisen darauf hin, dass genetische Faktoren eine wesentliche Rolle bei SES spielen, während für sprachliche Leistungen im oberen Leistungsbereich die Umwelt bedeutender ist (Hayiou-Thomas, 2008). Bei eineiigen Zwillingen beträgt die Konkordanz für SES 85%, bei zweieiigen nur 52%. In einigen Familien konnten bereits für die Sprachentwicklungs-störung offenbar verantwortliche Gendefekte nachgewiesen werden. Für die überwiegende Anzahl der betroffenen Kinder werden multifaktorielle Ursachen beziehungsweise eine polygene Vererbung angenommen (Fisher et al., 2003; DGPP, 2008). Von der Arbeitsgruppe um SE Fisher wurde 2008 (Vernes et al, 2008) eine signifikante Assoziation zwischen dem SNP rs17236239 und der „Nonsense word repetition“ nachgewiesen. Sie vermuteten, dass sie damit eine wesentliche ursächliche genetische Sequenzvariante für das Auftreten von spezifischen Sprachentwicklungs-störungen gefunden haben.
Seit Anfang des Jahres 2009 führen wir deswegen eine Studie bei den in unserer Klinik behandelten Kindern mit SSES durch, um zu überprüfen, ob sich auch in Mitteleuropa die Bedeutung dieser Sequenzvariante bestätigen lässt. Als Patienten konnten bisher 225 Kinder und Jugendliche im Alter von 3-17 Jahren und 308 Verwandte (Eltern, Geschwister, weitere Verwandte) aus 202 Familien gewonnen werden. Von ihren Eltern, Geschwistern und weiteren Verwandten (insgesamt 308) wurde ebenfalls das genetische Material untersucht.
Die Kinder wurden wegen einer ausgeprägten spezifischen Sprachentwicklungsstörung stationär in Mainz im Schwerpunkt Kommunikationsstörungen und im Sprachheilzentrum Meisenheim interdisziplinär diagnostiziert und therapiert. Eine ausführliche Anamnese wurde entsprechend IDIS erhoben, die Diagnostik von sprachlichen und nichtsprachlichen Leistungen umfasste auch mehrere Intelligenztests.
45% der Jungen und 57% der Mädchen hatten Angehörige ersten Grades mit einer Sprach-entwicklungsstörung bzw. -verzögerung in der Anamnese und 33% der Jungen sowie 24% der Mädchen hatten Angehörige zweiten Grades.
Die anamnestischen Daten bestätigen also die große Bedeutung familiärer Faktoren. Die genetischen Analysen werden zeitnahe und fortlaufend am Institut für Humangenetik durchgeführt. Nach Abschluss der Probandenrekrutierung (Anfang bis Mitte 2012) wird die statistische Auswertung (Frau Dipl.-Stat. Amelie Elsäßer, Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik) und ggf. Aufarbeitung der Daten zur Publikation erfolgen.
Literatur:
Hayiou-Thomas ME (2008). Genetic and environmental influences on early speech, language and literacy development. Journal of Communication Disorders 41: 397–408.
Fisher SE, Lai CS, Monaco AP (2003). Deciphering the genetic basis of speech and language disorders. Annu Rev Neurosci 26: 57–80.
Neumann K, Keilmann A, Kiese-Himmel C, Rosenfeld J, Schönweiler R (2008). Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie zu Sprachentwicklungsstörungen bei Kindern. Gelesen am 14.04.2008 unter leitlinien.net/049-006.htm, gekürzte Fassung in: Kindheit und Entwicklung, in Druck.
Vernes SC, Newbury DF, Abrahams BS, Monaco AP, Fisher SE et al. (2008). A functional genetic link between distinct developmental language disorders. N Engl J Med 359: 2337–2345.
Projektleiter: Univ.-Prof. Dr. Annerose Keilmann, PD Dr. Oliver Bartsch, Reinhold Marx, Dr. Anja Pollak-Hainz
Standardisierte Überprüfung der Mundmotorik von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen oder einer Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte (LKGS) mit dem NOT-S (Nordic Orafacial Test-Screening)
Zur Überprüfung der Mundmotorik werden in Deutschland in der Medizin und der Zahnmedizin verschiedene, nicht standardisierte Untersuchungen durchgeführt. Mit dem in Skandinavien entwickelten Nordic Orofacial Test-Screening (Bakke et al, 2009), ist eine einfache, standardisierte Prüfung möglich.
Mit Hilfe des NOT-S wurden zunächst 60 Kinder, die stationär wegen einer schweren Sprach-entwicklungsstörung behandelt wurden, erfasst und mit einer gleichaltrigen Gruppe unauffälliger Kinder verglichen. Weiterhin wurden 24 Kinder mit einer LKGS-Spalte untersucht.
In der Vergleichsgruppe ergaben sich sowohl für die anamnestischen Fragen als auch für die Untersuchungsitems dieselben Werte, wie sie für skandinavische Sprachen als unauffällig beschreiben wurden. Die Kinder mit einer schweren Sprachentwicklungsstörung hatten sowohl in den einzelnen Untertests, wie auch im Gesamtergebnis ein etwas schlechteres Ergebnis als die normalen Kinder, schnitten aber weit besser ab, als dies für auffällige Kinder z. B. mit einer adenotonsillären Hyperplasie beschrieben wurde. In den Gesamtergebnissen unterschieden sich die Kinder mit einer LKG und die Kinder mit einer schweren Sprachentwicklungsstörung nicht. Allerdings zeigten sich in den einzelnen Untertests verschiedene Schwerpunkte.
Obwohl die Mundmotorik in der Sprachentwicklung keine tragende Rolle spielt, zeigt sich in vielen Fällen bei Kindern mit einer schweren Sprachentwicklungsstörung auch eine nachweisbare Störung der Mundmotorik. Auch bei der Untersuchung von Patienten mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte kann der NOT-S im Sinne eines Screenings als einfaches und richtungweisendes Instrument zur Beurteilung der Mundmotorik benutzt werden.
Literatur:
Bakke M, Bergendal B, McAllister A, Sjörgreen L, Asten P, Development and evaluation of a comprehensive screening for orofacial dysfunction. Swed Dent J. 2007;31(2):75-84
Bader S, Keilmann A: Standardisierte Überprüfung der Mundmotorik von Kindern mit schweren Sprachentwicklungsstörungen mit dem NOT-S (Nordic Orofacial Test-Screening). 27. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V. Aktuelle phoniatrisch-pädaudiologische Aspekte 2010 S.203-206 und www.egms.de/static/de/meetings/dgpp2010/10dgpp55.shtml
Projektleiter: Sabine Bader, Dr. Susanne Wriedt, Univ.-Prof. Dr. Annerose Keilmann
Entwicklung eines neuen Mainzer I Tests zur Sprachaudiometrie bei Kleinkindern
Für die Sprachaudiometrie bei 2– und 3jährigen Kindern steht derzeit nur der Mainzer I Kinder Sprachtest zur Verfügung, der den Testkriterien nur unzureichend genügt. Ziel unseres Projektes ist die Entwicklung und die klinische Validierung eines neuen kindgerechten Sprachtest als Alternative zum Mainzer Kindersprachtest I. Das Wortmaterial eines Kindersprachtests sollte auf einer standardisierten Erhebung des rezeptiven Wortschatzes des jeweiligen Lebensalters beruhen. Beim Mainzer Kindersprachtest I bilden die Testitems jedoch das Vokabular von zweijährigen Kindern nicht ab. Die Erweiterung des Testmaterials ist daher zwingend notwendig.
Das Wortmaterial des neuen Sprachtests basiert auf Nomen, die dem Kurztest für die U7 – Sprachbeurteilung durch Eltern (SBE-2-KT von Suchodoletz und Sachse (2008) entnommen sind. Aus den Wortlisten des SBE-2-KT wurden bereits 26 Nomen ausgewählt, die bildlich darstellbar, geschlechtsunspezifisch, sowie phonetisch und phonematisch ausbalanciert sind. Im Sinn einer „picture-pointing task“ werden dem Kind dabei drei Items auf dem Touchscreen präsentiert, von denen eins auditiv dargeboten wird. Das Kind klickt das gehörte Item auf dem Touchscreen an, es gibt also nur „auditiv verstanden“ versus „auditiv nicht verstanden“. Ziel ist es, ein Wortmaterial aus leichten, mittelschweren, und schweren Wörtern zusammenzustellen, welches für zweijährige Kinder geeignet ist. Wünschenswert ist eine Mischung mit einem mittleren Schwierigkeitsindex, um eine ausreichende Trennschärfe zwischen guten und schlechten Testergebnissen zu erzielen. Eine ausreichende Differenzierung innerhalb der schwachen Ergebnisse (kein Bodeneffekt) und innerhalb der guten Ergebnisse (kein Deckeneffekt) muss jedoch dabei gewährleistet sein.
Projektleiter: Univ.-Prof. Dr. Annerose Keilmann, Andrea Bohnert, Sabine Müller, Prof. Dr. Thomas Janssen
Frühe audioverbale Entwicklung: Entwicklung eines Fragebogens für die Erfassung der frühen verbalen Sprachentwicklung
Die Entwicklung des Fragebogens zur diagnostischen Einschätzung der frühen Sprachproduktion von normal hörenden Kindern zwischen dem 1. bis zum 18. Lebensmonat ist abgeschlossen. 600 Fragebögen (FB) wurden an Kinderarztpraxen und Kindertagesstätten in Mainz und Innsbruck im Zeitraum von April/Mai 2009 - Januar 2011 ausgegeben. Die Rücklaufquote beträgt 58,6%. Von den 600 Fragebögen konnten nun 352 Fragebögen statistisch ausgewertet werden. Hierzu wurden die kritischen Werte (Erwartung- und Minimalwert) innerhalb der Altersspanne vom 1.-18. Lebensmonat errechnet. Im nächsten Schritt wurde die Validität des Fragebogens mit Hilfe der Itemanalyse (Korrelation mit dem Alter, Diskriminationsindex) überprüft. Um zu gewährleisten, dass der Fragebogen spezifisch die Sprachfähigkeiten misst, wurden Berechnungen zur Reliabilität und Homogenität durchgeführt. Die Ergebnisse belegen, dass der Fragebogen ein valides und reliables diagnostisches Instrument, für die Erfassung der frühen Sprachproduktion, in dieser Altersspanne, darstellt. Im nächsten Schritt sollen nun auch Eltern, deren Kinder mit einem Cochlea Implantat und/oder einem Hörgerät versorgt wurden und bilingual aufwachsen, (deutsch-türkisch) den Fragebogen ausfüllen.
Mit einem Folgeprojekt sollen die Sprachfähigkeiten von bilingualen Kindern, die mit Hörhilfen versorgt werden, über einen längeren Zeitraum und mit Hilfe von verschiedenen diagnostische Screening- und Testverfahren, untersucht werden.
Das Pilotprojekt zur Entwicklung einer automatischen Detektion der zweiten Lallphase hat eine Mutter gewinnen können, in einem längeren Abstand, die Lalläußerungen ihres Kindes aufzuzeichnen. Da die Aufnahmen sich schwierig gestalten, liegen hierzu noch keine Auswertungen vor.
Literatur:
Schramm B, Bohnert A, Keilmann A. The prelexical development in children implanted under the age of two compared with normal hearing children. Int J Pediatr Otorhi 73 (2009) 1673-81. Epub 2009 Sep 22, doi:10.1016/j.ijporl.2009.08.023
Schramm B, Brachmaier J, Keilmann A: Preverbal speech production in children with cochlear implants. 10th European Symposium on Paediatric Cochlear Implantation, Athens, Greece, May 12 – 15, 2011, Int J Ped ORL 75 Suppl. 1 (2011) 48
Projektleiter: Univ.-Prof. Dr. Annerose Keilmann, Dr. Bianka Schramm
Entwicklung einer zeitoptimierten, frequenzspezifischen objektiven Erregungsschwellenbestimmung mittels low- und middle-Chirp-BERA bei Säuglingen und Kleinkindern
Die frequenzspezifische objektive Erregungsschwellenbestimmung ist insbesondere im Hinblick auf eine optimale Versorgung und Anpassung von Hörhilfen bei unkooperativen Patienten (Säuglinge, Kleinkinder etc.) unbefriedigend. Bestehende frequenzspezifische Verfahren, wie z.B. die Verwendung von Ton-Pips, gefilterten Clicks, Maskierungsverfahren (forward masking, notched-noise BERA) etc. sind zeitaufwändig und weisen insbesondere im tieffrequenten Bereich z.T. erhebliche Diskrepanzen zu den subjektiv ermittelten Reaktions- und Verhaltensschwellen auf, die im Einzelfall mehr als 60 dB betragen können. Dies gilt auch für die derzeit zunehmend klinisch eingesetzte ASSR-Technik mit multifrequenter Stimulation im Bereich von 500 Hz, 1, 2 und 4 kHz.
Ein vielversprechender Ansatz zur Verbesserung der Nachweisbarkeit von Reizantworten ist die Verwendung frequenzmodulierter „chirp-Signale“, die mit deutlich verbesserter zeitlicher Synchronität die akustische Energie in frequenzspezifisch gut definierte Bereiche der Cochlea einbringen können. Dazu wurde ein tieffrequenter „low-chirp“ sowie ein mittelfrequenter „middle-chirp“ mit entwickelt.
Im Rahmen des Projektes soll bei Säuglingen und Kleinkindern eine objektive Erregungsschwellenbestimmung mittels low-chirp- und middle-chirp-evozierter früher akustisch evozierter Potenziale erfolgen.
Lokale Projektleiterinnen: Prof. Dr. Annerose Keilmann, Andrea Bohnert, Sabine Müller, Katharina Leonhard
Externer Kooperationspartner:
HNO Universitätsklinik Köln: Frau Dipl. Biol. A. Foerst, Frau Dr. med. R. Lang-Roth und
HNO Universitätsklinik Erfurt: Dipl. Ing. I. Baljic, M. Sc., Frau Dr. med. K. Breitenstein
Werner Otto Institut Hamburg: Dr. Thomas Wiesner
Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie Universitätsklinikum Münster:Dr. med. C-M. Schmidt
Ev. Krankenhaus Oldenburg:Prof. Dr. med. K. Plotz
Funktionelle (psychogene) Hörstörung im Kindesalter
Die Diagnose einer funktionellen (psychogenen) Hörstörung im Kindesalter ergibt sich meist, wenn sich verschiedene audiologische Befunde widersprechen.
Unter 1112 Kindern, die im Zeitraum von 12/02 bis 11/10 wegen einer Hörstörung stationär behandelt wurden, konnten 30 mit einer funktionellen Hörstörung identifiziert und ihre psychologischen und audiologischen Befunde analysiert werden. Im Jahr 2011 führten wir standardisierte Nachbefragungen durch.
Das Geschlechterverhältnis Mädchen vs. Jungen betrug 20 vs. 10 (67 % vs. 33 %) im Alter von 7,05 bis 17,02 Jahren, wobei das Durchschnittsalter bei 11,04 Jahren lag (Median: 10,01 Jahre). Der durchschnittliche IQ-Wert lag bei 101 (Range: 75-125). Einseitige funktionelle Hörstörung traten nur bei 9 Kindern auf (30 %). 6,6 % der Kinder wiesen eine psychogene Verschlechterung einer länger bestehenden, hörsystemversorgten Schwerhörigkeit auf. 13,3 % der Kinder, bei denen sich eindeutig eine Normakusis ergab, waren zuvor teilweise langjährig mit Hörsystemen versorgt und hatten diese gut akzeptiert.
Funktionelle Hörstörungen werden in den letzten Jahren häufiger diagnostiziert. Allein in den letzten 12 Monaten waren 14 Kinder betroffen. In der Nachbefragung zeigte sich, dass nur selten erneut eine Hörstörung auftrat, oft aber andere Symptome berichtet wurden. Die Mehrheit der Kinder erhielt eine kinderpsychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung. Trotz regelrechter Befunde in der objektiven Audiometrie liegt bei Kindern mit einer funktionellen Hörstörung eine Beeinträchtigung der Wahrnehmung auditiver Informationen vor, die der Therapie von phoniatrisch-pädaudiologischer und kinder-psychiatrischer Seite bedarf.
Literatur:
Läßig AK, Keilmann A: Funktionelle (psychogene) Hörstörung im Kindesalter – Kolibri oder unterschätztes Phänomen? 27. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V. Aktuelle phoniatrisch-pädaudiologische Aspekte 2010 S. 45-48 und www.egms.de/static/de/meetings/dgpp2010/10dgpp11.shtml
Läßig AK, Keilmann A: Die Diagnostik der funktionellen Hörstörung im Kindesalter. 15. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie, Jena, 09.-12.03.2011, Tagungs CD und Abstractband, S. 172
Projektleiter: Univ.-Prof. Dr. Annerose Keilmann, Dr. Anne Katrin Läßig
Hörstörungen bei Patienten mit Aphasie
Im ersten Teil der Studie mit 88 Patienten ergaben sich bei 24 % der mittels tonaudiometrischer Hörtests in der Postakutphase nach Schlaganfall mit Aphasie untersuchten Patienten eine beidseitige Schwerhörigkeit, die Hörgeräte erforderlich gemacht hätte. Nur sehr wenige dieser Patienten waren bereits mit Hörgeräten versorgt. Eine zusätzliche Schwerhörigkeit verstärkt jedoch die durch die Aphasie entstehenden Kommunikationsprobleme, vermindert in der Folge die Alltagskompetenzen der Patienten und reduziert die Effektivität der logopädischen Therapie. Es ist davon auszugehen, dass viele schwerhörige Aphasiepatienten jahrelang ohne Hörgeräteversorgung ambulante logopädische Therapie erhalten. Diese Unterversorgung ergibt sich auch aus Fehleinschätzungen des Umfeldes, da gering- bis hochgradige Hörstörungen bei Aphasikern meist nicht als Hörstörungen sondern als Sprachverständnisstörungen infolge der Aphasie gedeutet werden. Die Diagnostik und die Behandlung von Hörstörungen muss bei aphasischen Patienten bereits in den ersten Monaten nach Beginn der Erkrankung (Postakutphase) verbessert werden.
Der zweite Teil der Studie befasst sich deshalb mit dem Vergleich zweier Diagnose- und Behandlungspfade zur Verbesserung der Diagnostik von Schwerhörigkeiten und zur Verbesserung der ggf. notwendigen Versorgung mit Hörgeräten in dieser Patientengruppe.
Projektleiter: Dr. Sabine Nospes, Dr. Anne Läßig, Univ.-Prof. Dr. Annerose Keilmann
Morphologische Veränderungen des lymphatischen Rachenrings bei Mukopolysaccharidosen
Mukopolysaccharidosen (MPS) sind seltene lysosomale Speicherkrankheiten. Durch einen genetischen Defekt kommt es zu einer Störung der Aktivität bestimmter lysosomaler Enzyme. Nicht abbaubare Substrate (z.B. Dermatan-, Heparan-, Keratan- oder Chondroitinsulfat) akkumulieren in den Lysosomen und führen zu Funktionsstörungen von unterschiedlichen Organsystemen, d.h. in Abhängigkeit vom Enzymdefekt reichern sich die unterschiedlichen Glukosaminoglykane im Gewebe an und führen zu dessen Veränderung. Die klinische Manifestation hängt von der Art der abgelagerten Substrate ab. Grundsätzlich kann jedes Organsystem befallen sein. Die GAG-Anreicherungen spielen auch im Bereich der Atemwege eine wesentliche Rolle. Regelmäßig sieht man eine vergrößerte Zunge, hypertrophe Rachenmandeln und Tonsillen, sodass auch häufig Adenotomien und Tonsillektomien indiziert sind.
In unserem Projekt gehen wird der Frage nach, ob die Tonsillen und Adenoide von MPS-Patienten typische Veränderungen aufweisen. 18 Patienten mit MPS I, 9 Patienten mit MPS II, 7 Patienten mit MPS IV und 8 Patienten mit MPS VI konnten in die Untersuchungen einbezogen werden. In ersten histologischen Untersuchungen konnten wir dabei nachweisen, dass sich tatsächlich in einigen Fällen von MPS eine morphologische Besonderheit zeigt, nämlich eine Vermehrung von subepithelial lokalisierten schaumzellig degenerierten Zellen die zu einer „Aufhellung“ der subepithelialen Zone führen und immunhistochemisch überwiegend den Zellen des MPS (CD68 positiv) zugeordnet werden konnten. Wir werden nun in einem verblindeten Studienansatz MPS-Adenoide histologisch vergleichen mit Adenoiden aus einer „Normalpopulation“, um näher zu analysieren, ob die ersten histologischen Ergebnisse tatsächlich statistische Relevanz aufweisen. In einem weiteren Ansatz ließe sich dabei auch herausfinden, ob zwischen den einzelnen MPS-Typen Unterschiede hinsichtlich der Morphologie bestehen.
Projektleiter: Univ.-Prof. Dr. Annerose Keilmann, Prof. Dr. Michael Beck, PD Dr. Torsten Hansen
Langzeitkohorte der Mainzer Forschungsgruppe
Fragen der Prävention sind für die Kinderheilkunde in der Praxis von zunehmender Bedeutung. Im Bereich der primären Prävention ist die frühe Prägung der gesundheitlichen Langzeitentwicklung bis ins Erwachsenenalter durch die Auswirkungen intrauteriner Expositionen auf das ungeborene Kind ein Thema von hoher Aktualität. Basierend auf einer zum Zeitpunkt der Geburt erfolgten Vollerfassung aller Neugeborenen(n=8.741; inklusive einer standardisierten körperlichen und sonographischen Untersuchung) in definierten Regionen soll eine prospektive Nachuntersuchung und Begleitung der Kinder, deren Mütter eine schriftliche Einwilligung zur Nachverfolgung gegeben haben (n=4.341), mit den besonderen Schwerpunkten Entwicklungsstörungen, chronische Erkrankungen und Wachstum erfolgen. Hierbei kann auch nach den verschiedensten intrauterinen Expositionen (z.B. Gestationsdiabeteses, Medikamenteneinnahme, berufliche Exposition, etc.) aufgeschlüsselt werden.
Projektleiter: PD Dr. Annette Queißer-Wahrendorf, Dr. Awi Wiesel, G Stolz, Univ.-Prof. Dr. Maria Blettner, Univ.-Prof. Dr. Annerose Keilmann, Juniorprof. Dr. Eva Münster, Prof. Dr. Michael Huss
Interdisziplinäres Zentrum Klinische Studien (IZKS)
Das IZKS wird als Klinisches Studienzentrum seit 2007 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert mit dem Ziel, die Weiterentwicklung der Klinischen Forschung zu erreichen. Dazu gehören professionelle klinische Studienstrukturen, regionale Studien-Netzwerke, zentrales Forschungsmanagement für die operativen, methodischen, regulatorischen und Qualitätsprozesse sowie die Qualifizierung von Ärzten/Wissenschaftlern, Studienpersonal und Medizinstudenten.
Für die I. Förderphase wurde der Mainzer Antrag aus 26 Anträgen Medizinischer Fakultäten zusammen mit 5 anderen von den BMBF-Gutachtern zur Förderung ausgewählt. Das IZKS baute in der Zeit von 2007 - 2011 die vorhandenen Studieneinheiten aus und hat neue in der Neurologie, der Psychiatrie/Psychosomatik und der Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgebaut. Weitere in der Anästhesie, Radiologie und Rheumatologie befinden sich derzeit im Aufbau. Regionale Studien-Netzwerke werden ebenfalls aufgebaut bzw. weiterentwickelt. Darüber hinaus werden Maßnahmen zur Ausbildung von qualifiziertem Studienpersonal und zur Fortbildung von Medizinern und Wissenschaftlern in Studienkonzeption und -methodik etabliert.
Die Leistungen der I. Förderphase in der patientenorientierten klinischen Forschung des IZKS wurden durch ein Gutachtergremium im Rahmen des Weiterförderungsantrags als überaus beachtenswert beurteilt und das IZKS als eines der führenden Studienzentren in Deutschland gewürdigt. Deshalb wurde der Antrag auf Weiterförderung vom Gutachtergremium einstimmig ohne Auflagen befürwortet.
Der Fokus der II. Förderphase liegt neben der planmäßigen Weiterentwicklung der bisherigen Schwerpunkte vor allem auf der Einrichtung eines Kompetenzzentrums für Medizinproduktestudien und dem Aufbau weiterer Studienzentren. Darüber hinaus sollen Fortbildungsaktivitäten erweitert sowie regionale Studien-Netzwerke unterstützt und aufgebaut werden.
Projektleiter: Dr. Monika Seibert-Grafe, Dr. Thorsten Gorbauch, PD Dr. Sabine Genth-Zotz, PD Dr. Markus Möhler
