Visual Universitätsmedizin Mainz

Erfahrungsberichte 3. Semester von Nina Mayeur (2012) und von Natalie Pohl (2008)

(2012-01) Anfang September kehre ich, die „Französin der Lehranstalt“, nach Mainz zurück. Das erste Ausbildungsjahr ist so schnell vergangen, dass ich kaum glauben kann, dass ich schon im 3. Semester bin. Der Anfang als „Ausländerin“ in dieser deutschen Lehranstalt für Logopäden war nicht einfach. Ich mochte die deutsche Sprache und wollte Logopädin werden. So habe ich beide Leidenschaften in einem Projekt verbunden: die Ausbildung zur Logopädin in Deutschland. Herr Brauer und die Lehrlogopäden ermöglichten mir diese Herausforderung beim Eignungstest. Ich beschäftige mich also seit dem Anfang der Ausbildung mit der Sprache aus verschiedenen Sichten. Ich höre, lerne, spreche und verbessere eine Sprache, die nicht meine Muttersprache ist. Dies erfordert eine hohe Konzentration, vor allem im logopädischen Bereich, in dem auf alle Feinheiten der deutschen Sprache geachtet wird. Dies macht mich für die Schwierigkeiten von Patienten, die in logopädischer Behandlungen sind, besonders sensibel. Die Suche nach Wörtern, auf die man keinen Zugriff mehr hat; die Begegnung mit völlig unbekannten Wörtern; die unterschiedlichen Strategien, um sprachlich verstanden zu werden, ohne dass man Wörter, mit denen man Schwierigkeiten hat, anwenden muss; die Sprache als wesentliche Grundlage der menschlichen Kommunikation zu empfinden, ob man sie beherrscht oder nicht; die Sprache als Ausdruck einer Persönlichkeit bzw. eine geschwächte oder eingeschränkte Sprache als unangemessener Ausdruck einer Persönlichkeit zu empfinden, etc... Diese Themen förderten meine Offenheit und meine Lust, Anderen bzw. Patienten etwas beizubringen und zu helfen. Als ich im Laufe des ersten Semesters akzeptieren konnte, dass ich selbst Fehler in der deutschen Sprache machen darf, ohne mich zu schämen, konnte ich mich auf die Patienten konzentrieren, um ihnen beizubringen, was ich wusste und was ich konnte. Ab diesem Zeitpunkt wurde mein Motto: die Kommunikation ist am wichtigsten, nicht die rhetorische oder grammatikalische Gestaltung der Sprache. Ich trete also entspannter und sicherer in das dritte Semester ein.

Nach einem Jahr Theorie im Bereich Kindersprache in der Lehranstalt durfte ich mein Praktikum  während des Sommers bei mir zu Hause in Frankreich machen und die Ähnlichkeiten bzw. Unterschiede zwischen den deutschen und den französischen Methoden beobachten. In Frankreich kommt die Mehrheit der Kinder wegen einer Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) zum Logopäden. Ihre Schwierigkeiten werden oft zu Beginn der Grundschule entdeckt, so dass sie erst mit sechs Jahren eine Therapie anfangen. Dabei lernte ich endlich den logopädischen Fachwortschatz auf Französisch und konnte beide Sprachen in Zusammenhang bringen.

Nach zwei in Frankreich verbrachten Monaten, fahre ich entspannt und motiviert nach Mainz zurück, wo das dritte Semester mit zwei Fachwochen im Bereich Myofunktionelle Störung/Rhinophonie/Laryngektomie anfängt. Bei Frau Andreas entdecken wir zunächst die Geheimnisse des Ansaugens und des Schluckens. Wir schulen unsere Wahrnehmung und unsere Aufmerksamkeit, indem wir uns alle beim Essen beobachten und anschließend den Schluckvorgang erklären sollen. Bei der Durchführung von Mundmotorikübungen müssen wir zugeben, dass diese uns schwieriger fallen als gedacht, und dass wir zu Hause weiter üben müssen. Danach sollen wir beschreiben mit welchen Artikulationsorganen bestimmte Konsonanten gebildet werden und wie ihre Bildung mittels der Lautunterstützenden Bewegung® gefördert werden kann. Im Bereich der Rhinophonie  werden uns theoretisch die verschiedenen Fachbegriffe erklärt, und praktisch hören wir uns Hörbeispiele an, die wir beschreiben. Wir stellen außerdem die Diagnostikverfahren unserem Kurs vor und lernen eine Diagnose zu formulieren. Am Ende der Woche bekommen wir eine Einführung in den Bereich Laryngektomie, den wir im Laufe des Semesters bei Frau Andreas weiter entdecken werden. Dieses Thema berührt mich am meisten, weil uns hier Menschen begegnen, die eine schwere Operation hinter sich haben und deren Leben sich von einem Tag auf den anderen völlig verändert. Der Logopäde begleitet den Patienten nicht nur auf sprachlicher Ebene, sondern auch auf sozialer und psychischer Ebene. Die Einführung in diesen Bereich bietet außerdem eine erneute Gelegenheit über die Sprache als Teil der Persönlichkeit sowie als wesentliches menschliches Kommunikationsmittel nach zu denken. Die Fachwochen werden schließlich mit der Übergabe neuer Patienten mit dem Störungsbild Myofunktionelle Störung, Rhinophonie oder Laryngektomie abgeschlossen. Eine Woche später schreiben wir  in diesem Bereich eine schriftliche Prüfung.

Nach den Fachwochen fängt der reguläre Unterricht an. Auf dem Programm stehen folgende Fächer: Falldarstellungen im Bereich MFS/Rhino/LE, Einführung in die wissenschaftliche Arbeit, Stimme (Theorie und Praxis), Sprecherziehung, Stimmbildung, angewandte Psychologie, Pädagogik, Phoniatrie, Neurologie, HNO. Parallel zu den Unterrichten laufen unsere Therapien im Bereich Kindersprache wieder an. Die Therapiepaare werden neu gebildet und die Patienten getauscht. Wir können endlich Ideen oder Spiele, die wir im Laufe unseres Praktikums bekommen oder entwickelt haben, in unsere Therapien umsetzen. Auch wenn die Planung der Therapiestunden außerhalb der Unterrichtstunden uns zunächst als kompliziert erscheint, gelingt es allen Therapiepaaren ihre Termine für das Semester festzulegen.

Anfang Oktober fährt jeder von uns mehr oder weniger nervös auf den Lerchenberg. In einem Sprachheilkindergarten findet dort die „logopädische Diagnostikprüfung“ statt. Eine Woche davor erklärt uns die Lehrlogopädin im Bereich Kindersprache, Frau Schlütter, den genauen Ablauf der Prüfung und versucht uns zu beruhigen. Vor zwei Lehrlogopäden und der Logopädin des Kindergartens, sollen wir eine Diagnostikstunde mit einem unbekannten Kind durchführen. Das Ziel der Übung ist das Kind logopädisch zu diagnostizieren. Noch wichtiger ist aber mit ihm Kontakt aufzunehmen! Die „Falle“ dieser Prüfung besteht darin, diesen wichtigen Aspekt nicht im Hintergrund zu lassen und sich nicht nur auf die Diagnose zu konzentrieren. Das freie Spiel zum Kennenlernen und Diagnostizieren des Kindes soll nicht unterschätzt werden! Im Anschluss an die Diagnostikstunde schreiben wir eine logopädische Diagnose anhand der Testauswertungen sowie eine Verhaltensbeobachtung und eine Selbstreflexion. Eine Woche später, erfahren wir, dass wir die Prüfung alle bestanden haben, und wir sind zu einer Nachbesprechung mit den Lehrlogopäden eingeladen. Dabei bekommen wir unsere Note, die die Lehrlogopäden unter verschiedenen Aspekten begründen. Diese Nachbesprechung ist für mich wichtiger als die Note selbst, da wir dabei hören, was wir zukünftig verbessern können.

Die Woche darauf, vom 10. bis zum 14. Oktober sind wir in der Katholischen Hochschule (KH), wo wir in die Themen „Wirtschaftswissenschaftliche Grundlagen“ (BWL, VWL und Gesundheitsökonomie) und „Grundfragen der Ethik“ eingeführt werden. Ich muss gestehen, dass ich vor Beginn des Moduls dem Thema „Wirtschaft“ sehr skeptisch gegenüber stehe. Ich habe in diesem Bereich überhaupt kein Vorwissen und fürchte den unbekannten fachlichen Wortschatz in der deutschen Sprache. Meine Befürchtungen verschwinden aber schnell, als Prof. Dinter uns zunächst die fachliche Terminologie erläutert und konkrete Beispiele der aktuellen Nachrichten in seine Vorlesung einfügt. Die Woche in der KH vergeht ganz anders als in der Lehranstalt. Die Therapien fallen nämlich eine Woche aus. Wir müssen also weder Therapien vorbereiten noch Behandlungsentwürfe schreiben. Dennoch sind die Tage sehr intensiv, da wir von 8:15 bis 17:00 Unterricht haben.

Die KH-Woche vergeht schnell und schon geht der Unterricht in der Lehranstalt weiter. Frau von Krebs Meister bringt uns die atemrhythmisch angepasste Phonation nach Prof. Dr. Coblenzer bei, sowie eine Vielzahl von Stimmübungen, die wir selbst ausprobieren und später mit unseren Patienten anwenden werden. Wir schulen außerdem unsere Wahrnehmung, indem wir uns pathologische und physiologische Stimmen anhören und anhand der fachlichen Terminologie beschreiben. Parallel dazu versucht Frau Andreas uns die „Ösophagus-Stimme“ beizubringen, die die Laryngektomierten nach der Operation auch lernen sollen. Sie macht uns den Ton mühelos vor und ermuntert uns, sie nachzuahmen. Dies zeigt sich viel schwieriger als gedacht und es gelingt nur einigen von uns. Dennoch geben wir nicht auf und sind fest entschlossen, uns weiter Mühe zu geben - bis zum Erfolg. In diesem Bereich schulen wir auch unsere Wahrnehmung, indem wir uns Videos von mehreren laryngektomierten Patienten ansehen und eine Tabelle ausfüllen, in der verschiedene Aspekten dieses Störungsbilds beobachtet und bewertet werden sollen.

Ende November bestehen wir alle die mündliche HNO-Klausur und bereiten uns für die Stimmklausur bei Frau von Krebs Meister in der ersten Dezemberwoche vor. In der Woche darauf findet die Weihnachtsfeier statt, die der Unterkurs organisiert. Es werden selbstkomponierte Lieder vom Unterkurs gesungen und Theaterstücke von uns (Mittelkurs) vorgespielt. Endlich nehmen wir wahr, dass die Therapien für dieses Jahr zu Ende sind und dass es weihnachtet.

Dennoch gehen wir vor den Ferien noch eine weitere Woche in die Katholische Hochschule. Die Grundlagen der Wirtschaftswissenschaft und der Ethik werden vertieft und zum Abschluss der Woche geprüft. Außerdem werden wir von Frau Prof. Dr. Schewior-Popp und Frau Prof. Dip. Log. Corsten in das nächste Modul „Wissenschaftliches Arbeiten und Methodenlehre“ eingeführt. Dabei lernen wir wissenschaftliche Texte zu analysieren und zusammenzufassen. Nach den Prüfungen werden wir am Freitag in die Ferien entlassen. Davor gehen wir aber noch kurz auf den Mainzer Weihnachtsmarkt, um das Ende des Semesters zu feiern und ich packe meinen Koffer mit den zahlreichen Geschenken, die ich nach Frankreich mitnehme, um meine Familie zu bescheren.

Nina Mayeur (Kurs 2010-2013)

 

(2008-12) Nach den Sommerferien starteten wir mit neuer Energie und Motivation ins dritte Semester. Es begann mit den beiden Fachwochen Laryngektomie, Rhinophonie und Myofunktionellen Störungen bei der Lehrlogopädin Frau Andreas. In diesen zwei Wochen lernten wir theoretisch und mit Hilfe von Mundmotorik-, Ansaug- und Schluckübungen auch praktisch Muskeln kennen und erspüren, von denen wir vorher nicht wussten, dass sie existierten. Wir schulten unsere Eigenwahrnehmung, in dem wir genau beobachteten und beschrieben, mit welchen Artikulationsorganen bestimmte Konsonanten gebildet werden. Auch das Näseln (Rhinophonie) wurde uns durch praktische Hörbeispiele und durch gegenseitiges Vormachen der dazugehörigen Diagnostikmittel nahe gebracht. Am meisten berührte mich das Thema Laryngektomie. Hierzu schauten wir zum Abschluss des Themas ein Video. Dieses Video handelte von einem Laryngektomierten (Patient, bei dem der Kehlkopf auf Grund eines Tumors entfernt werden musste), der seine Erfahrungen und Gefühle vor der Kehlkopfoperation und nach dem Eingriff darstellte. Der Mann beschrieb seine Depressionen nach der Operation, die Prozedur der Bestrahlung, die Belastung seiner Ehe und auch den Prozess sich mit seinem veränderten Leben zu arrangieren und wieder Lebensfreude zu empfinden.

Die Fachwochen wurden mit einem Leistungsnachweis und der Übergabe der neuen Patienten mit dem Störungsbild Laryngektomie, Myofunktionelle Störung oder Rhinophonie abgeschlossen. Dann folgte der reguläre Unterricht mit dem logopädischen Schwerpunkt „Stimme“, in den uns die Lehrlogopädin Frau von Krebs-Meister einführte. Des Weiteren erhielten wir die Fächer Stimmfeldmessung, Mutationsstimmstörungen, Recurrensparesen, Stimme Praxis, Eutonie und wissenschaftliches Arbeiten. Außerdem liefen auch wieder unsere Therapien im Bereich Kindersprache an. Hier konnten wir nun die Anregungen und kreativen Ideen aus dem vorausgegangenen Praktikum in der Therapie verwirklichen. Wir therapierten mit größerer therapeutischer Erfahrung und mit mehr Selbstbewusstsein und Leichtigkeit als noch im zweiten Semester. Auch die neuen Erkenntnisse aus den Fachwochen konnten wir gleich in unsere Behandlungen umsetzen und vertiefen.

Vom 06. bis zum 10. Oktober startete unser drittes Modul an der Katholischen Fachhochschule mit den Themen „Wirtschaftswissenschaftliche Grundlagen“ (VWL, BWL,  Gesundheitsökonomie) und „Grundfragen der Ethik“. Es war eine schöne Abwechslung, eine Woche studentische Vorlesungsluft schnuppern zu dürfen und abends zu Hause einmal keine Therapie vorbereiten und keine Behandlungsentwürfe schreiben zu müssen. Wir hatten von morgens 8.15 bis 17.00 Uhr Vorlesungen. Prof. Dinter brachte uns die wirtschaftswissenschaftlichen Grundlagen mit anschaulichen Beispielen aus dem Alltag und unter Bezug auf aktuelle Nachrichten verständlich bei. Prof. Dr. Klose referierte über ethisches Urteilen und Handeln. Dabei lernten wir u.a. auch den Ethik-Kodex des Berufsverbandes „logopädieaustria“ kennen.

Die folgenden Wochen in der Lehranstalt standen im Zeichen der „Logopädischen Diagnostikprüfung“. Diese wird jedes Jahr im Sprachheilkindergarten in Mainz-Lerchenberg durchgeführt. Vor zwei Lehrlogopädinnen und der Logopädin des Kindergartens, Frau Sutor, sollten wir ein uns unbekanntes Kind logopädisch diagnostizieren. Im Anschluss an die Diagnostikstunde schrieben wir eine Verhaltensbeobachtung sowie eine Selbstreflexion und erhoben anhand unserer Testauswertungen die logopädische Diagnose. Wir waren alle vorher sehr nervös und machten uns viele Gedanken: Wie würde man am besten auf ein ganz stilles Kind, das überhaupt nichts sagt, reagieren? Welches Spiel wär ideal für die Kontaktaufnahme und böte noch die Möglichkeit viel Spontansprache zu erheben? Welche Diagnostikmittel wären wohl am geeignetsten? ... unsere Lehrlogopädin Frau Culp sorgte jedoch durch gute Vorbereitung und Gesprächsmöglichkeiten für Beruhigung. Außerdem half uns auch die Zulassungsarbeit von Verena Graffe, einer Studierenden aus dem Oberkurs, die eine Vorübung für die Diagnostikprüfung konzipiert hatte, die wir im Praktikum an einem fremden Kind zum Training ausprobieren konnten. So gingen wir gut gewappnet in die Prüfung und bestanden alle.

In der Woche darauf schrieben wir einen weiteren Leistungsnachweis im Fach Stimme. Hier hatten wir zuvor viel über das Prinzip der Stimmbildung, die Kriterien einer gesunden Stimme, die Klassifizierung von Stimmstörungen,  die Diagnostik, die fünf Therapiebausteine  und die atemrhythmisch angepasste Phonation nach Prof. Dr. Horst Coblenzer gelernt. Parallel dazu hatten wir die Theorie in Stimme Praxis durch viele praktische Übungen mit großer Freude selbst ausprobiert und gelernt, unsere Kommilitonen bei Stimmübungen anzuleiten.

Danach folgte die vierte Blockwoche vom 08. bis zum 12. Dezember im Rahmen des Studiums der Logopädie an der KFH. In dieser Woche wurden die Inhalte „Wirtschaftswissenschaftliche Grundlagen“ und „Grundfragen der Ethik“ vertieft und am letzen Tag  der Woche in zwei aufeinander folgenden Klausuren geprüft. Außerdem wurden wir von Frau Prof. Dr. Schewior-Popp und Frau Dip. Log. Corsten in das nächste Modul „Wissenschaftliches Arbeiten und Methodenlehre“ (Textverständnis und vergleichende Textanalyse) eingeführt.

Und so befanden wir uns schon in der letzten Woche vor den Weihnachtsferien, in der wir mittwochs noch die letzte HNO- Klausur schrieben und freitags geschafft von dem Geleisteten und glücklich von den erzielten Ergebnissen mit einer wunderschönen Weihnachtsfeier in die Ferien entlassen wurden.

Nathalie Pohl (Kurs 2007-2010)