Forschungsprojekte des Schwerpunkts Affektive Störungen
The EMC Trial
Basierend auf einer traditionellen Überzeugung, dass die Wirkung von Antidepressiva verzögert eintritt, empfehlen aktuelle Behandlungsleitlinien für Depressionen eine Behandlungsdauer zwischen 3 und 8 Wochen, bevor eine Medikation bei unzureichendem Behandlungserfolg optimiert werden sollte. Zahlreiche retrospektive Analysen zeigen jedoch, dass eine Besserung der depressiven Symptome gewöhnlich bereits in den ersten 14 Tagen eintritt (=early improvement) und dass diese frühe Besserung einen hohen Vorhersagewert für den endgültigen Behandlungserfolg hat. Von größter Bedeutung ist weiter, dass eine unzureichende Besserung („non-improvement“) nach 14 Behandlungstagen einen sehr hohen Vorhersagewert für ein ungünstiges finales Behandlungsergebnis hat.
In der Studie „Randomised clinical trial comparing early medication change (EMC) strategy with treatment as usual (TAU) in patients with Major Depressive Disorder - the EMC trial” werden Patienten mit unzureichender Besserung nach 14 Tagen einer Behandlung mit einem Antidepressivum zufällig einer “early medication change” (EMC) Strategie oder einer Behandlung gemäß aktueller Behandlungsrichtlinien (treatment as usual; TAU) zugeteilt. Die EMC-Studie ist die erste prospektive, randomisierte, kontrollierte klinische Studie, die untersucht, ob Non-Improver nach 14 Behandlungstagen unter EMC eine höhere Remissionsrate an Tag 56 erreichen als Non-Improver nach 14 Tagen, die gemäß TAU behandelt werden. Die Studie erfolgt unter der Leitung der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz in Kooperation mit 5 nationalen Zentren (Wiesbaden, Katzenelnbogen, Freiburg, Bad Soden, Kiedrich) sowie dem vom BMBF geförderten Interdisziplinären Zentrum Klinische Studien (IZKS) Mainz. Sie wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Falls die EMC Strategie zu signifikant mehr remittierten Patienten führt, können Veränderungen der aktuellen Behandlungsrichtlinien für Depression erwartet werden, da dann belegt wäre, dass durch eine EMC Strategie mehr Patienten in gleicher oder kürzerer Zeit geholfen werden kann.
Teilnehmenden Zentren / Kooperationspartner:
- Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsmedizin Mainz
- Interdisziplinäres Zentrum für Klinische Studien (IZKS), Universitätsmedizin Mainz
- Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinik Freiburg
- Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, St. Valentinushaus, Bad Soden
- Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Katzenelnbogen
- Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Horst-Schmidt-Kliniken, Wiesbaden
Förderung:
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF; Förderkennzeichen 01 KG 0906; Studienleiter Prof. Dr. K. Lieb und PD Dr. A. Tadić)
Ausgewählte Publikationen zum Thema:
- Wagner S, Helmreich I, Lieb K, Tadić A. Standardized Rater Training for the Hamilton Depression Rating Scale (HAMD-17) and the Inventory of Depressive Symptoms (IDS-C30). Psychopathology 2010;44:68-70.
- Tadić A, Gorbulev S, Dahmen N, Hiemke C, Braus DF, Röschke J, van Calker D, Wachtlin D, Kronfeld K, Gorbauch T, Seibert-Grafe M, Lieb K; EMC Study Group. Rationale and design of the randomised clinical trial comparing early medication change (EMC) strategy with treatment as usual (TAU) in patients with major depressive disorder-the EMC trial. Trials 2010;11:21.
- Tadić A, Helmreich I, Mergl R, Hautzinger M, Henkel V, Hegerl U. Early improvement is a predictor of treatment outcome in patients with mild major, minor or subsyndromal depression. J Affect Disord 2010 Jan;120:86-93.
- Helmreich I, Wagner S, Mergl R, Allgaier AK, Hautzinger M, Henkel V, Hegerl U, Tadić A. The Inventory of Depressive Symptomatology (IDS-C(28)) is more sensitive to changes in depressive symptomatology than the Hamilton Depression Rating Scale (HAMD(17)) in patients with mild major, minor or subsyndromal depression. Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci. 2010 Dec 4. [Epub ahead of print]
Biochemische Marker des Therapieerfolgs bei Major Depression
Die Behandlung von Depressionen mit Antidepressiva ist gut etabliert. Dennoch sind die Erfolgsraten unter Behandlung mit Antidepressiva zu niedrig und die Zeit bis zum Erreichen von Symptomfreiheit sind zu lang. Große naturalistische Studien zur Untersuchung der Effektivität von Antidepressiva in repräsentativen Patientenpopulationen zeigten sehr deutlich, dass der Behandlungserfolg trotz teilweise sehr langer Behandlungszeiten häufig enttäuschend ist. Verlässliche biologische Prädiktoren für das Ansprechen und das Auftreten von Nebenwirkungen auf eine bestimmte antidepressive Behandlung, die ihre Auswahl eingrenzen, individualisieren und die Behandlungszeiten erheblich verkürzen könnten, fehlen in der klinischen Praxis vollständig. Keine nationale oder internationale aktuelle Leitlinie enthält Empfehlungen zur Auswahl oder Steuerung einer antidepressiven Therapie anhand eines biologischen Markers. Ziel unserer Forschungsbemühungen ist die Therapieoptimierung durch Identifikation und klinisch-praktische Anwendung biochemischen Indikatoren für den Therapieerfolg.
Kooperationspartner:
- PD Dr. med. D. Peetz, Institut für Klinische Chemie und Labormedizin, Universitätsmedizin Mainz
- Dr. Tanja Zeller, II. Med. Klinik, Universitätsmedizin Mainz
- Prof. Sabine Bahn, Dr. Emanul Schwarz, Institute of Biotechnology, University of Cambridge, UK
Drittmittelförderung:
- DFG-Antrag in Vorbereitung
Molekulargenetische Marker des Therapieerfolgs bei Major Depression
Die wissenschaftlichen Aktivitäten fokussieren auf die Identifikation molekulargenetischer Marker zur Vorhersage des Therapieerfolgs sowie auf Wechselwirkungen zwischen molekulargenetischen Markern und der Serumkonzentration von Antidepressiva. Die Identifikation molekulargenetischer Marker soll eine hochindividualisierte Behandlung ermöglichen, die sowohl mögliche Wirkungen als auch Nebenwirkungen berücksichtigt. Dies soll die stellenweise sehr langen Behandlungszeiten durch die Gabe von individuell ineffektiven Medikamenten sowie unerwünschte Nebenwirkungen reduzieren.
Kooperationspartner:
- Prof. Dr. I.-G. Anghelescu, Charité-CBF, Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie
- PD Dr. Dipl.-Chem. N. Dahmen, Congenics AG, Hamburg & Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Katzenelnbogen
- Prof. Dr. Hiemke, Neurochemisches Labor, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
- PD Dr. D. Rujescu, LMU München, Molekulare und klinische Neurobiologie, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
- PD Dr. H. H. Stassen, Universität Zürich, Psychiatrische Klinik
- Prof. Dr. A. Szegedi, Schering Plough Corp., NJ, USA
Ausgewählte Literatur:
- Dreimüller N, Tadić A, Müller MJ, Laux G, Maier W, Röschke J, Dragicevic A, Bondy B, Zill P, Hiemke C. Einfluss des Serotonin-Transporter-Promoter Polymorphismus (5-HTTLPR) und der Plasmakonzentration von Antidepressiva auf den Therapieerfolg bei Patienten mit Major Depression. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), 26.-29.11.2008, Berlin. Der Nervenarzt 2008;79 (suppl. 4): 229.
- Stassen HH, Anghelescu IG, Hell D, Hoffmann K, Scharfetter C, Szegedi A, Tadić A. Linking Autoantibody Formation to Genetic Vulnerability to Psychiatric Disorders and Psychotropic Drug Response. 26. Kongress des Collegium Internationale Neuro-Psychopharmacologicum (CINP), 13.-17.7.2008, München. Int J Neuropsychopharmacol 2008;11 (S1): 108.
- Stassen HH, Anghelescu IG, Hell D, Hoffmann K, Rujescu D, Scharfetter C, Szegedi A, Tadić A. Molecular-genetic determinants of the onset of antidepressant drug-response. 26. Kongress des Collegium Internationale Neuro-Psychopharmacologicum (CINP), 13.-17.7.2008, München. Int J Neuropsychopharmacol 2008;11 (S1): 71.
- Tadić A, Rujescu D, Dahmen N, Stassen HH, Müller MJ, Kohnen R, Szegedi A. Association Analysis between Variants of the Interleukin-1β and the Interleukin-1 Receptor Antagonist Gene and Antidepressant Treatment Response in Major Depression. Neuropsychiatr Dis Treat 2008;4:269-76.
- Tadić A, Rujescu D, Müller MJ, Kohnen D, Stassen HH, Dahmen N, Szegedi A. A monoamine oxidase B gene variant and short-term antidepressant treatment response. Prog Neuropsychopharmacol Biol Psychiatry 2007;31:1370-7.
- Tadić A, Müller MJ, Rujescu D, Kohnen D, Stassen HH, Dahmen N, Szegedi A. The MAOA T941G - polymorphism and short-term treatment response to mirtazapine and paroxetine in Major Depression. Am J Med Genet B Neuropsychiatr Genet. 2007;144:325-31.
- Szegedi A, Rujescu D, Tadić A, Muller MJ, Kohnen R, Stassen HH, Dahmen N. The catechol-O-methyltransferase Val108/158Met polymorphism affects short-term treatment response to mirtazapine, but not to paroxetine in major depression. Pharmacogenomics J. 2005;5:49-53.
Neuropsychologische Marker des Therapieerfolgs bei Major Depression
Depressionen können heutzutage in den meisten Fällen wirksam behandelt werden; dennoch dauert es häufig mehrere Wochen bis eine vollständige Symptomfreiheit erreicht wird. Manchmal müssen dafür mehrere Therapien durchgeführt werden, bis das Ziel einer vollständigen Symptomfreiheit erreicht ist. Nach dem Beginn einer antidepressiven Behandlung soll gemäß aktueller Leitlinien zwischen 3 und 8 Wochen an einer Therapie festgehalten werden, bevor bei Unwirksamkeit eine Anpassung der Therapie erfolgt. Wissenschaftliche Studien konnten zeigen, dass bei Patienten, die am Ende der Behandlung eine deutliche Besserung ihrer Erkrankung aufwiesen, bereits nach 2 Wochen Therapie eine merkliche Besserung beobachtet werden kann. Umgekehrt waren Patienten, die nach zwei Wochen keine Besserung bemerkten, auch am Ende der Behandlung weiter depressiv.
Die wissenschaftlichen Arbeiten fokussieren darauf, mit zusätzlichen neuropsychologischen Testverfahren noch früher im Behandlungsverlauf - z.B. nach wenigen Tagen oder sogar vor Beginn einer Therapie - den endgültigen Therapieerfolg vorherzusagen. Hierfür notwendige Neuentwicklungen von Testverfahren werden aktuell durchgeführt. Die Identifikation eines neuropsychologischen Tests als Marker für den Therapieerfolg könnte die Auswahl der Therapie auf den einzelnen Patienten abstimmen und die Behandlungszeiten erheblich verkürzen.
Kooperationspartner:
- Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Horst-Schmidt-Kliniken, Wiesbaden (Prof. Dr. Braus)
Drittmittelförderung:
- DFG WA 2970/1-1

