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Klinik und Poliklinik für
Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Schwerpunkt Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie
 

Kompetenzzentrum Verhaltenssucht

Was ist eigentlich eine Verhaltenssucht?

Exzessives Spielen oder die exzessive Nutzung von Medien können zu einer Abhängigkeitserkrankung führen. Diese Formen exzessiven Gebrauchs werden Verhaltenssüchte genannt. Bei der Verhaltenssucht werden keine Substanzen von außen zugeführt bzw. eingenommen. Der für eine Abhängigkeitsentwicklung notwendige positive psychische Effekt stellt sich durch körpereigene biochemische Veränderungen ein, die durch die exzessive Durchführung einer bestimmten Verhaltensweise (z.B. Spielen / Mediennutzung) ausgelöst werden.

Das Spielen bzw. die Mediennutzung wird als besonders belohnend (stressreduzierend, stimmungsverbessernd) empfunden und der Betroffene lernt effektiv seine Gefühle zu regulieren. Vergleichbar mit dem Effekt beim Gebrauch von bewusstseinsverändernden Substanzen kann das exzessive Verhalten die Funktion erhalten, das Leben für den Betroffenen erträglich zu gestalten. Die Betroffenen erfahren, dass sie mit solchen Verhaltensweisen oder Gebrauchsmustern schnell und effektiv Gefühle im Zusammenhang mit Frustrationen, Unsicherheiten und Ängsten regulieren bzw. verdrängen können.

Im Laufe der Suchtentwicklung rückt die exzessive Nutzung von Spielen bzw. moderner Medien zu Lasten anderer Verhaltensweisen in den Vordergrund. Somit werden keine alternativen Verhaltensmuster, wie z.B. angemessene Stressverarbeitungsstrategien, für kritische oder als Stress erlebte Lebenssituationen entwickelt bzw. gelernt.

EU-NETADB

EU NET ADB

Im Rahmen des EU geförderten Projekts „EU NET ADB“ wurden in insgesamt sieben europäischen Ländern (Deutschland, Griechenland, Island, Spanien, Polen, Rumänien und den Niederlanden) quantitative und qualitative Daten über das Internetnutzungsverhalten von 14- bis 17 jährigen Jungen und Mädchen erhoben. In der Datenanalyse wurde neben der Prävalenz von Internetabhängigkeit (0,9%) und problematischer Nutzung (9,7%) Risikofaktoren, welche zu diesem Verhalten führen, identifiziert. Darüber hinaus wurde eine qualitative Interviewstudie im Face-to-Face-Kontakt durchgeführt. Im Ergebnis der persönlichen Tiefeninterviews konnten verschiedene Subtypen der Internetnutzung bei Kindern und Jugendlichen identifiziert werden. Während die Subtypen „Juggling it All“ und „Coming full Cycle“ auf eine unbedenkliche Nutzung schließen lassen, bergen die Subtypen „Killing Boredom“ und „Stuck Online“ das Risiko eine problematische bzw. abhängige Nutzung zu entwickeln. Diese unterschiedlichen Subtypen bilden zusammen das „Modell der Vier“ (4.8 MB) und können einen ersten Anhaltspunkt über die Internetnutzungsgewohnheiten von Kindern und Jugendlichen geben. Den Gesamtbericht (1.3 MB) der Studie stellen wir Ihnen ebenfalls zur Verfügung.

 

Weitere Informationen:

Michael Dreier, Dipl.-Soz., wissenschaftlicher Mitarbeiter der Klinik und Poliklinik für Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie, Universitätsmedizin Mainz
E-Mail:  Michael.Dreier@uni-mainz.de

Broschüre KIJU-RLP

25.10.2011

Aktuell:

Problematisches Glücksspielverhalten bei Kindern und Jugendlichen in Rheinland-Pfalz

6 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Rheinland-Pfalz sind gefährdet – Ergebnisse einer Studie jetzt als Broschüre verfügbar

(Mainz, 25. Oktober 2011, rdr) Im Auftrag des rheinland-pfälzischen Ministeriums für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie (MSAGD) führte die Ambulanz für Spielsucht der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz eine repräsentative Studie zur Glücksspielnutzung von Kindern und Jugendlichen an fast 4000 Schülerinnen und Schülern in Rheinland-Pfalz durch. Die zentralen Ergebnisse der Studie werden nun in einer Broschüre zusammengefasst und so der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – heute wurde die Broschüre in Mainz erstmals vorgestellt.

„Unsere Daten zeigen sehr deutlich die Gefährdung minderjähriger Jugendlicher durch Glücksspielangebote“, erläuterte Univ.-Prof. Dr. Manfred Beutel, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin der Universitätsmedizin Mainz zu Beginn der Vorstellung. „Um Jugendliche besser zu schützen, ist es wichtig die Ergebnisse auch öffentlich bekannt und zugänglich zu machen. Hierfür ist die Broschüre ein wichtiges Instrument.“

Die Broschüre wird zunächst an alle teilnehmenden Schulen sowie die Fachberater des Modellprojekts „Regionale Fachstellen Glücksspielsucht“ versandt und kann auf Anfrage bei den Autoren als Datei angefordert werden. Zusätzlich wird sie unter www.verhaltenssucht.de sowie www.internetsucht-hilfe.de zum Download bereitgestellt.

 

Weitere Ergebnisse der Studie: 41,2 Prozent der Befragten gaben an im vergangenen Jahr Glücksspiele gespielt zu haben. Als häufigstes Motiv für die Nutzung wurde mit 46,8 Prozent die Hoffnung auf Geldgewinne genannt, was gegen einen reinen Unterhaltungsaspekt der genutzten Glücksspielangebote spricht. Unter den Minderjährigen – also den 12- bis 17-Jährigen – wurden immerhin 1,9 Prozent als problematische und 3,6 Prozent als gefährdete Glücksspieler klassifiziert. Hochrechnungen ergeben damit eine Schätzung von 4963 problematischen und 9404 gefährdeten minderjährigen Spielern in Rheinland-Pfalz. Im Vergleich zu einer Vorgängerstudie (Hurrelmann et al., 2003) spielten in den letzten 12 Monaten doppelt so viele Jugendliche an Geldspielautomaten.

Dipl.-Psych. Sebastian Giralt ging darüber hinaus auf das Thema Straffälligkeit bei jugendlichen Glücksspielnutzern in Berufsbildenden Schulen ein: „Fast 20 Prozent der problematisch spielenden Jugendlichen haben bereits eine Freiheitsstrafe verbüßt. Das ist eine bemerkenswert hohe Zahl im Vergleich zu den unproblematisch spielenden Schülerinnen und Schülern der Berufsbildenden Schulen in Rheinland-Pfalz“, erläuterte Giralt. „Die Straffälligkeit war in der Gruppe der problematischen Nutzer insgesamt deutlich ausgeprägt. Möglicherweise könnte diese Erkenntnis bei Präventions- und Interventionsmaßnahmen integriert werden.“ Er fügte hinzu, dass dies ein Bereich ist, der in kommenden Forschungsprojekten verstärkt betrachtet werden sollte.

„Die Zahlen machen deutlich, dass ein Bedarf an kontinuierlichen Angeboten zur Prävention der Glücksspielsucht besteht“, betonte Ingo Brennberger, Drogenbeauftragter des Landes Rheinland-Pfalz. „Daher wurden bereits im Jahr 2008 eine Fachstelle zur Prävention der Glücksspielsucht bei der Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e. V. und 15 zusätzliche Vollzeitstellen zur Beratung Glücksspielsüchtiger in Anbindung an Suchtberatungsstellen eingerichtet. Die Daten machen auch deutlich, dass eine Reglementierung des Glücksspielmarkts, wie sie durch den neuen Glücksspielstaatsvertrag vorgesehen ist, dringend erforderlich ist, um den Jugend- und Spielerschutz auch zukünftig zu gewährleisten.“

Die Studie können Sie hier (655 KB) herunterladen.

Weitere Informationen:

Eva Duven, MSc, wissenschaftlicher Mitarbeiterin der Klinik und Poliklinik für Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie, Universitätsmedizin Mainz
E-Mail: eva.duven@unimedizin-mainz.de

Dipl.-Psych. Sebastian Giralt, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Klinik und Poliklinik für Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie, Universitätsmedizin Mainz
E-Mail: sebastian.giralt@unimedizin-mainz.de

 

Pressekontakt

Dr. Renée Dillinger-Reiter, Stabsstelle Kommunikation und Presse Universitätsmedizin Mainz,
Telefon 06131 17-7424, Fax 06131 17-3496, E-Mail: pr@unimedizin-mainz.de

„Die Studie ‚Problematisches Glücksspielverhalten bei Kindern und Jugendlichen in Rheinland-Pfalz’ hatte zum Ziel, verschiedene Einflussfaktoren auf das Glücksspielverhalten von Kindern und Jugendlichen zu beleuchten, den aktuellen Kenntnisstand zu diesem Thema zu überprüfen und neue Erkenntnisse über die Entstehung von Glücksspielsucht zu gewinnen“, sagte Eva Duven, MSc, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und gemeinsam mit Sebastian Giralt, ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter der psychosomatischen Klinik, Hauptautorin der Studie. „Rund 2,2 Prozent aller befragten Kinder und Jugendlichen sind als problematische und weitere 3,7 Prozent als gefährdete Glücksspielnutzer einzustufen“, so Duven weiter. „Es zeigte sich, dass ein Großteil der 12- bis 18-Jährigen – also 64,3 Prozent – mindestens einmal im Leben Glücksspielangebote genutzt hat“, erläuterte Sebastian Giralt. Auch spielten Jugendliche bevorzugt in Gaststätten, Spielhallen und im Internet und umgingen damit die gesetzlichen Jugendschutzbestimmungen.

Kontakt

Sabine M. Grüsser-Sinopoli -
Ambulanz für Spielsucht

Anmeldung und Hotline
Montag bis Donnerstag:
12 - 16 Uhr

Tel. 06131 17-6064

Hotline Verhaltenssucht

Anonyme und kostenlose Beratung von Betroffenen und Angehörigen

Mo – Fr von 12.00 – 17.00 Uhr

0800 1 529 529 (kostenlos)

Kompetenzzentrum Verhaltenssucht
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