Visual Universitätsmedizin Mainz

Chronischer Kiefer- und Gesichtsschmerz

„Schmerz ist ein unangenehmes Sinnes – und Gefühlserlebnis, das mit einer aktuellen oder potentiellen Gewebeschädigung einhergeht oder mit den Worten einer solchen beschrieben wird“. Diese Definition der Internationalen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes zeigt bereits die multidimensionale  Komplexität des Phänomens Schmerz auf. Im Unterschied zum akuten Schmerz hat der Schmerz im Rahmen der Chronifizierung seine Warnfunktion verloren und ist zum eigenständigen Krankheitsbild geworden. Dabei treten die körperlichen Anteile der Erkrankung in den Hintergrund und die psychosozialen Auswirkungen bestimmen das Krankheitsbild wesentlich. Neben der reinen Zeitachse, aktuell wird hier ein Zeitraum von 3 Monaten angenommen, ist die subjektive und objektive Beeinträchtigung wichtig für die Diagnosestellung und vor allem die Therapie. Vor allem bei muskulären Beschwerden im Kiefer- und Gesichtsbereich sind häufig auch andere Körperregionen (insbesondere der Rücken) betroffen. Eine umfassende Anamnese zur Erkennung der beteiligten Faktoren und insbesondere deren Gewichtung ist daher von entscheidender Bedeutung für die Diagnostik.

Von großer Bedeutung ist die Funktionsfähigkeit des sensiblen Nervensystems im Kiefer- und Gesichtsbereich. Eine sorgfältige Untersuchung ist daher neben der Anamnese zur Diagnosestellung unabdingbar. Es können sowohl Über- als auch Unterfunktionen bestehen. Dies betrifft letztendlich alle Strukturen (Muskeln, Kiefer, Zähne, Nerven etc.).

Die individuelle Schmerzschwelle kann durch externe und interne Faktoren beeinflusst werden. Dies hat Einfluss auf die vom Patienten empfundene Schmerzstärke und ist somit für die Diagnostik wichtig, kann aber auch im Rahmen der Therapie genutzt werden. Insbesondere beachtet werden müssen in diesem Zusammenhang ungünstige Bewältigungsstrategien und psychische Erkrankungen, insbesondere Angst und Depression die die Schmerzschwelle absenken können. Schmerz und Stress weisen sowohl im klinischen Erscheinungsbild als auch in den neurobiologischen Auswirkungen große Überlappungen auf. Aber auch kulturelle Erfahrungen bestimmen das Krankheitsbild.

Typische und häufige Krankheitsbilder chronischer Kiefer- und Gesichtsschmerzen sind:

 

  • Kaumuskel- und Kiefergelenkbeschwerden (craniomandibuläre Dysfunktion, Myoarthropathie)

  • Trigeminusneuralgie

  • Schmerzhafte Trigeminusneuropathie (Verletzung oder Schädigung des 5. Hirnnerven)

  • Zungen- und Mundschleimhautbrennen

  • Anhaltender idiopathischer Gesichtsschmerz (früher atypischer Gesichtsschmerz)

 

Im Rahmen der Therapie werden neben den zahnärztlichen Maßnahmen (z.B. Schienentherapie) vor allem schmerztherapeutische nicht medikamentöse und medikamentöse Verfahren eingesetzt. Ausdauersport und Entspannungsverfahren sind Beispiele für nicht medikamentöse Verfahren, während Analgetika und sogenannte Koanalgetika (ganz bestimmte Antidepressiva und Antikonvulsiva) die medikamentöse Seite beherrschen.

In der Regel benötigen PatientInnenen mit chronischen Kiefer- und Gesichtsschmerzen eine fachübergreifende interdisziplinäre Diagnostik und Therapie. Der Zahnarzt kann in diesem Zusammenhang als Spezialist für sein Fachgebiet fungieren und eine Koordinationsfunktion (Weiterleitung der Patienten und Zusammenführung der Befunde) zu den anderen beteiligten Fachrichtungen Anästhesie, Neurologie, Orthopädie, Psychosomatik und weitere übernehmen.

Leider ist die Zahl spezialisierter Einrichtungen in Deutschland recht begrenzt, so dass von einer Unterversorgung gesprochen werden muss. In jeder universitären Zahnklinik wird aber in der Regel eine spezielle Sprechstunde für betroffene PatientInnen abgehalten (häufig unter dem irreführenden Namen Kiefergelenksprechstunde). Darüber hinaus gibt es eine Reihe von KollegInnen die sich mit Zusatzbezeichnungen, Tätigkeitsschwerpunkten oder Spezialisierungen für Funktionsdiagnostik gezielt weitergebildet haben und als Ansprechpartner zur Verfügung stehen können.

In der Regel können die PatientInnen ambulant behandelt werden. Je weiter die Chronifizierung aber fortgeschritten oder die Beeinträchtigung evident sind, werden andere Therapieformen wie tagesklinische oder stationäre Behandlung erforderlich. Auch spezielle rehabilitative Maßnahmen können indiziert sein.

 

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an unsere Spezialistin Univ.-Prof. Dr. Dr. Monika Daubländer.