Visual Universitätsmedizin Mainz

Forschungsvorhaben PD Dr. med. Livia Prüll

 

 

Das Anatomische Präparat – Herkunft, Bedeutung, Kontext

 

Das Institut für Funktionelle und klinische Anatomie beherbergt noch ca. 100 Präparate aus denjenigen Zeiten, in denen diese als Anschauungsobjekte für die Lehre verwandt wurden. Die anatomischen Präparate dienten noch bis in die 1960er Jahre hinein gleichermaßen Studierenden der Medizin und forschenden Ärzt_innen für ihre Studien. Im Rahmen einer Aufarbeitung der Bestände sollen die einzelnen noch vorhandenen Stücke nicht nur verortet, zugeordnet und katalogisiert werden. Intendiert ist vielmehr eine Nutzung der Präparate zur Informationsvermittlung von Anatomie und ihrer historischen Perspektive und zur weiteren Reflexion über Körperlichkeit und deren Bedeutung. Denn das anatomische Präparat kann als Schnittstelle verschiedener Betrachtungsweisen und gesellschaftlicher Sphären betrachtet werden. So diente es zwar zunächst zur Lehre und zur Forschung, dann aber im Rahmen von Betrachtungen körperlicher Ästhetik der Ausbildung und Anregung von Künstler_innen und auch der öffentlichen Belehrung. Im letzteren Fall diente die Demonstration von Präparaten ferner gesundheitspolitischen Zwecksetzungen. Nicht zuletzt spiegelt sich im Präparat aber auch ein Mensch mit seiner spezifischen Biographie.

Diese Schnittstellen sollen anhand ausgewählter Exponate dargestellt und damit die vielfältigen Kontexte des anatomischen Präparates unter Berücksichtigung der historischen Bezüge demonstriert werden. Geplant ist eine Dauerausstellung in den Räumen des Institutes für Funktionelle und Klinische Medizin. Das Projekt soll im Rahmen der Initiative der JGU zur Pflege und Koordination ihrer universitären Sammlungen verwirklicht werden und damit auch zur Mobilisierung von Sammlungsgütern der Mainzer Universität beitragen.

 

 

Aufbruch zur Selbstermächtigung – Diabeteskranke in Westdeutschland 1945 - 1970

 

Bei diesem Projekt handelt es sich um die Weiterarbeit an einem Teilbereich des mittlerweile abgeschlossenen DFG Projektes "Patienten, Öffentlichkeit und die Medizin in Westdeutschland 1945-1970" (PR 523-1/-2). Dieses Projekt hatte sich zum Ziel gesetzt, die öffentliche (Re-)präsentation der naturwissenschaftlichen Medizin in Westdeutschland zwischen 1945 und 1970 zu untersuchen: Unter anderem ging es dabei auch um die Aushandlungsprozesse zwischen Ärzt_innen und Patient_innen betr. den Umgang mit einer spezifischen Erkrankung, im vorliegenden Fall Diabetes mellitus.

Im Folgenden sollen die Ergebnisse des Projektes aufgearbeitet und zusammengefasst und mit verschiedenen neuen Teilstudien ergänzt werden. Ausgangspunkt ist dabei der 1951 gegründete Deutsche Diabetikerbund als erster westdeutscher Patien_inntenselbsthilfegruppe. Dieser Verband ist heute der größte und älteste seiner Art, der sich um die Interessensvertretung der Diabetikeskranken und um die Verbesserung ihrer sozialen und medizinischen Position kümmert. Dies geschieht und geschah mittels Information und Hilfsmaßnahmen, Organisation von Ferienlagern diabeteskranke Kinder, Errichtung von Erholungsheimen für Diabetikeskranke, Vorgehen gegen Diskriminierung im Beruf, Zusammenarbeit mit Medizinern und Verbesserung der präventiven und therapeutischen Möglichkeiten. Im Zentrum der Untersuchung steht die ebenfalls 1951 gegründete Zeitschrift des Verbandes: Der "Diabetiker", ab 1970 das "Diabetesjournal". Die verschiedenen Rubriken dieser Zeitschrift spiegeln die Aushandlungsprozesse der Diabeteskranken mit der Ärzteschaft und hier vor allem mit den Diabetologen betreffend Diagnostik, Therapie und Lebensführung. Der "Deutsche Diabetikerbund" erkämpfte dabei in Auseinandersetzung mit Fachärzt_innen nicht nur zunehmend die Emanzipation seiner bis dahin stark diskriminierten Klientel, sondern auch eine besondere Sinnstiftung des Lebens als Diabeteskranke. Zwischen 1945 und 1970 legten letztere den Grundstein für einen Selbstermächtigungsprozess, der aus der todgeweihten Bittsteller_in um medizinische Fürsorge eine Partner_in im therapeutischen Prozess mit eigenem Lebensplan machte. Dieser Prozeß soll in einer größeren Studie fokussiert herausgearbeitet werden.

 

Das Fach der Pathologie im Zeitalter der Weltkriege

 

Dieser Forschungsstrang greift vor dem Hintergrund einer langjährigen Beschäftigung mit der Geschichte der sezierenden Fächer und vor allem der Pathologie / pathologischen Anatomie auf ältere Vorhaben zurück. So habe ich mehrfach über die Pathologie im Ersten Weltkrieg publiziert. Ferner habe ich mich bereits in meiner Habilitationsschrift im Rahmen eines interkulturellen Vergleichs mit der Geschichte der Pathologie in Berlin und in London in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschäftigt. Diese Forschungstätigkeiten haben aus verschiedenen Gründen an Aktualität gewonnen.

Durch die Gedenkjahre 2014 und 2018 wurde die Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg erneut angestoßen. In diesem Zusammenhang entdeckte ich im Jüdischen Museum in Frankfurt das Kriegstagebuch (1914-1918) des Rostocker Pathologen Bruno Wolff (1870-1918), das bislang in der historischen Forschung unbeachtet blieb. Diese Quelle ist interessant, weil Sie Details zur truppenärztlichen und fachpathologischen Tätigkeit im Ersten Weltkrieg vermittelt, ferner auch solche zum Antisemitismus in Rostock in den Kriegsjahren. Im Rahmen der Vorbereitung eines Vortrags wurde das Manuskript 2018 vorausgewertet und es soll jetzt komplett bearbeitet und medizinhistorisch dazu publiziert werden.

Die Zeit des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus erhielt im Rahmen dieses Themenkomplexes neue Aktualität, indem die Deutsche Gesellschaft für Pathologie sich entschloss, Forschungen zur Geschichte des Faches im "Dritten Reich" anzustoßen. In diesem Zusammenhang erlangten meine Forschungen zur Pathologie an der Berliner Charité zwischen 1933 und 1945 erneut Bedeutung. Ein neuer Beitrag zu dieser Debatte sind Forschungen zur Pathologie in Mainz im "Zeitalter der Gewalt" (1916-1946). Am Beispiel von Mainz lässt sich der Kontext aufzeigen, in dem Entgrenzungen im Umgang mit Kolleg_innen und Patient_innen in der Zeit des Nationalsozialismus stattfinden konnten, was auch für das Fach der Pathologie gilt.

 

Publikationen

 

Prüll, Livia - Pathology in the Age of Violence Mainz 1916 to 1946
PATHOLOGE, Volume: 40 Pages: S288-S292 Supplement: 3,
DOI: 10.1007/s00292-019-00701-x, Published: DEC 2019

 

Livia Prüll / Christian George / Frank Hüther (Hg.)
Universitätsgeschichte schreiben, Inhalte – Methoden – Fallbeispiele
Beiträge zur Geschichte der Universität Mainz. Neue Folge, Bd. 14, 2019
ISBN 978-3-8471-0966-2, Mainz University Press bei V&R unipress

In Vorbereitung auf die 75-Jahrfeier der Johannes Gutenberg-Universität Mainz hat der Forschungsverbund Universitätsgeschichte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz versammelt. Dieser Band präsentiert die Ergebnisse dieser Zusammenkunft. Im Zentrum stehen die Fragen nach dem Forschungsgegenstand der neueren Universitätsgeschichte sowie nach Methoden und Zugängen zur Erforschung der Universitätsgeschichte nach 1945. Ergänzt um einen Beitrag zur Universitätsgeschichte der DDR wird dabei der aktuelle Forschungsstand beleuchtet. Zwei Einzelbeispiele vermitteln schließlich den Umgang von Universitäten mit ihrer jüngeren Geschichte.

 

Kontakt:  pruell@uni-mainz.de

CV PD Dr. med. Livia Prüll (Pdf , 2,2 MB)