Visual Universitätsmedizin Mainz

Huntington Forschungs- und Behandlungszentrum Mainz

Der Morbus Huntington ist eine erbliche neurodegenerative Erkrankung, die meist  in der 3. bis 5. Lebensdekade auftritt. Anfangs sind Wesensveränderungen und Gemütsschwankungen charakteristisch, die für die betroffenen Patienten und ihre Familie sehr belastend sein können. Später kommen dann motorische Symptome wie unwillkürliche, nicht beherrschbare Bewegungsabläufe, Gangunsicherheit, erhöhte Unruhe und andere Symptome dazu.
Die Erkrankung wird durch eine Mutation im Huntingtin Gen auf Chromosom 4 verursacht. Bei Patienten findet man eine Verlängerung eines Abschnitts mit dem Code “CAG” über das normale Maß hinaus. Patienten geben diese Mutation mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% an ihre Kinder weiter. Die Erkrankung betrifft daher nicht nur die Patienten selbst, sondern auch ihre Nachkommen.

Bisher ist es nicht gelungen, eine an der Ursache ansetzende (kausale) Therapie für Morbus Huntington zu entwickeln. Patienten werden daher symptomatisch, das heißt bezogen auf ihre Symptome, behandelt. An der Universitätsmedizin Mainz haben wir für Patienten mit Morbus Huntington und ihre Familienangehörigen ein interdisziplinäres Huntington Forschungs- und Behandlungszentrum Mainz (HFBM) eingerichtet. Unser Ziel ist die optimale klinische Versorgung unserer Patienten. Zahlreiche Forschungsaktivitäten innerhalb des Zentrums haben zudem das Ziel, die Krankheit besser zu verstehen und eine kausale Therapie zu entwickeln.

1. Krankenversorgung:

Die optimale klinische Versorgung von Patienten und Familienangehörigen ist die zentrale Aufgabe des HBFM. Diese erfolgt in enger Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Kollegen, die die wohnortnahe Versorgung sicherstellen. Im Rahmen des Zentrums an der Universitätsmedizin Mainz bieten wir drei Bereiche an:

  • Die genetische Beratung der Patienten und ihrer Familien. Dazu gehört auch eine individuelle Risikoberechnung für Familienangehörige. Außerdem bieten wir einen genetischen Test an, der bei Patienten, die bereits Symptome haben, helfen kann, die Diagnose zu bestätigen. Für symptomfreie Familienangehörige kann dieser Test genutzt werden, um das individuelle Risiko mit Sicherheit zu bestimmen. Ein solcher prädiktiver Test wird nur im Rahmen einer intensiven Beratung angeboten.

  • Eine umfangreiche neuro-psychiatrische Diagnostik. Diese findet in einer gemeinsamen Sprechstunde der Klinik für Neurologie und der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie statt und folgt den neusten Kriterien der klinischen Diagnostik für Patienten mit Morbus Huntington. Sie wird an das Krankheitsstadium des jeweiligen Patienten individuell angepasst. So untersuchen wir sowohl Patienten, die bereits wahrnehmbare motorische Symptome haben als auch Patienten, die sich im sogenannten prä-klinischen Stadium der Krankheit (vor dem Auftreten motorischer Symptome) befinden, in dem psychische Veränderungen eine wichtige Rolle spielen können. Auch Familienangehörigen mit Erkrankungsrisiko bieten wir eine entsprechende Diagnostik an. Die Diagnostik wird als Eingangsdiagnostik bei der Erstvorstellung durchgeführt und dann bei jährlichen Wiedervorstellungen wiederholt.

    • Die angebotene Diagnostik soll helfen das Krankheitsstadium von Patienten zu bestimmen und eine symptomatische (auch medikamentöse) Behandlung genau auf die Bedürfnisse des Patienten / der Patientin abzustimmen. Ein Behandlungsvorschlag wird dann an den niedergelassenen behandelnden Arzt weitergeleitet.
    • Außerdem kann die angebotene Diagnostik Patienten, insbesondere Patienten in einem frühen oder sogar prä-klinischen Stadium der Krankheit helfen, wahrgenommene Symptome zu objektivieren. 

  • Die psychologische Begleitung von Patienten mit Morbus Huntington und ihren Familienangehörigen. Dies kann zum Beispiel bei der Durchführung von prädiktiven Tests sowie in der Zeit danach eine wichtige Rolle spielen. 

2. Forschung:

Neben der optimalen Versorgung für Patienten mit Morbus Huntington arbeiten wir im Rahmen des IFBZ-MH auch intensiv an der Entwicklung einer kausalen Therapie. Diese Arbeiten basieren auf einem von uns kürzlich entdeckten Mechanismus, der für die Produktion des krankheitsverursachenden Eiweißes (Proteins) in Patienten mit Morbus Huntington verantwortlich ist (Krauss et al., 2013, Nature Communications). Diesen Mechanismus wollen wir für die Entwicklung von Medikamenten nutzen, die die Menge des krankheitsverursachenden Proteins vermindern können. Eine solche Verringerung des krankheitsverursachenden Proteins sollte die Krankheit aufhalten können und eine weitere Verschlimmerung verhindern. Wenn wir in einem frühen Stadium des Krankheitsverlaufs eingreifen, so die Hoffnung, könnte man mit solchen Medikamenten die Krankheit vielleicht sogar ganz stoppen.  

In einem weiteren Projekt konzentrieren wir uns innerhalb des IFBZ-MH auf ein besseres Verständnis der frühen- auch präklinisch genannten- Phase der Chorea Huntington. Ein solches Verständnis ist wichtig, (i) um, in dem Moment, in dem es eine kausale Therapie gibt, Patienten in einem sehr frühen Krankheitsstadium diagnostizieren und behandeln zu können und (ii) um vom klinischen Krankheitsverlauf auf die Mechanismen der Erkrankung schließen zu können. Das Wissen um solche Mechanismen kann dann wiederum die Therapieentwicklung ermöglichen und unterstützen. In diesem Projekt rekrutieren wir im Moment Patienten mit bereits motorisch manifestem Morbus Huntington und Patienten in der präklinischen Phase. Eine Reihe kognitiver Tests, eine neurologische Untersuchung und eine Analyse des Bewegungsprofils über einen Bewegungssensor, der am Handgelenk getragen wird, soll nähere Informationen über den Krankheitsverlauf bringen. Patienten, die uns in diesen Bemühungen unterstützen möchten melden sich bitte im Sekretariat der genetischen Beratungsstelle (Frau Jordan, Tel. 06131 173871).

Wir sind zudem an den großen internationalen Forschungsverbünde, deren Ziel ebenfalls die Entwicklung einer kausalen Therapie für den Morbus Huntington ist, beteiligt. Sobald ein Medikament entwickelt wird, werden wir als Zentrum an den für die Zulassung notwendigen klinischen Studien teilnehmen und werden dadurch schnellstmöglich unseren Patienten Zugang zu neuen Behandlungsmethoden verschaffen.