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Endokrine und Neuroendokrine Tumoren

"Die Behandlung von Patienten mit neuroendokrinen Tumoren hat seit vielen Jahren einen hohen Stellenwert in Mainz." (Univ.-Prof. Dr. Matthias Weber, Sprecher der IENET und Leiter des Schwerpunkts Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen an der I. Medizinischen Klinik und Poliklinik)

Hintergrundinformation

Neuroendokrine Tumoren (NET) können in nahezu allen Organen auftreten – besonders häufig jedoch im Magen-Darm-Trakt, der Bauchspeicheldrüse oder der Schilddrüse. Sie entwickeln sich dort aus Zellen, die Hormone produzieren. Neuroendokrine Tumoren treten jährlich bei etwa einem bis zwei Fällen pro 100.000 Einwohner auf. Betroffen sind hauptsächlich Patienten zwischen 50 und 70 Jahren, Frauen wie Männer gleichermaßen. Die Bezeichnung "neuroendokriner Tumor" ergibt sich daraus, dass die Tumorzellen einerseits Nervenzellen – Neuronen – und andererseits hormonproduzierenden – endokrinen – Zellen ähneln. "Die zentrale Herausforderung ist, dass NET häufig langsam wachsen", erläutert Univ.-Prof. Dr. Matthias Weber, Leiter des Schwerpunkts Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen an der I. Medizinischen Klinik und Poliklinik. "Neuroendokrine Tumorzellen können dort wo sie entstehen, über Jahre unbemerkt existieren – zunächst alleine oder später in einem kleinen Verband von Tumorzellen." Die Diagnose kann daher auch zufällig erfolgen, für einen NET des Magens beispielsweise im Rahmen einer Magenspiegelung.

Das IENET in Mainz ist eines von wenigen zertifizierten Exzellenzzentren zur Behandlung endokriner und neuroendokriner Tumoren in Deutschland

Manche NET produzieren Hormone – hierzu zählen etwa Insulinome. Auch diese Tumoren verraten sich oft erst auf den zweiten Blick – denn für den Patienten kann die vermehrte Hormonproduktion belastender sein als der Tumor selbst. Sie kann ernste klinische Beschwerden hervorrufen. Im Falle des Insulinoms ist dies beispielsweise eine gefährliche Unterzuckerung, die dann indirekt auf einen Tumor hinweist. Diese zahlreichen klinischen Besonderheiten neuroendokriner Tumoren gegenüber soliden Tumoren der inneren Organe machen eines klar: Die Diagnostik und Therapie dieser Tumoren erfordert spezielle Kenntnisse und Expertisen und für eine erfolgreiche Behandlung braucht es spezialisierte Zentren.
 
Eines dieser Zentren ist das 2006 gegründete Interdisziplinäre Endokrine und Neuroendokrine Tumorzentrum (IENET) der Universitätsmedizin Mainz. "Die Behandlung von Patienten mit NET hat seit vielen Jahren einen hohen Stellenwert in Mainz", so Professor Weber, der auch Sprecher des IENET ist. "Um einen optimalen Behandlungserfolg zu gewährleisten, arbeiten verschiedene Fachdisziplinen, wie Endokrinologie, Endokrine Chirurgie, Nuklearmedizin, Gastroenterologie, Onkologie, Radiologie, Pathologie und Strahlentherapie interdisziplinär zusammen." In einer wöchentlich stattfindenden interdisziplinären Tumorkonferenz legen Experten aller Fachbereiche die optimale Diagnostik und Therapie individuell für jeden einzelnen Patienten mit NET fest.
 
2013 konnte sich das IENET über eine besondere Auszeichnung freuen: Die Europäische Neuroendokrine Tumorgesellschaft (ENETS) hat die Einrichtung als Exzellenzzentrum zertifiziert und gerade aktuell rezertifiziert. Damit ist das IENET eines von nur sechs solcher Zentren in Deutschland und von insgesamt lediglich 31 Zentren in Europa.
 
Besteht ein begründeter Verdacht, sind für die weitere Diagnostik von NET verschiedene bildgebende Verfahren von Bedeutung. Hier spielt insbesondere die Nuklearmedizin eine wichtige Rolle. Wie nur wenige andere Tumoren weisen NET auf ihrer Oberfläche spezielle Eiweißmoleküle auf, sogenannte Rezeptoren. Modernste nuklearmedizinische Verfahren, wie beispielsweise die Positronen-Emissions-Tomographie (PET), ermöglichen es, diese Eiweißmoleküle spezifisch und mit höchster Sensitivität nachzuweisen. Entsprechend der Vielfalt der Tumoren steht auch eine Vielzahl von therapeutischen Möglichkeiten zur Verfügung, die neben einer medikamentösen Behandlung chirurgische, strahlentherapeutische, radiologische und nuklearmedizinische Behandlungsformen umfassen. Dabei ist die Chirurgie von besonderer Bedeutung – denn sie bietet als einzige Methode die Chance auf Heilung
 
Ein weiterer Schwerpunkt in Mainz ist die Behandlung von Tumoren der Schilddrüse sowie der Nebenniere und der Paraganglien. Diese endokrinen Drüsen des menschlichen Körpers produzieren Hormone – die lebenswichtigen Schilddrüsenhormone beispielsweise beeinflussen die Aktivität des Körpers. Sie wirken in fast allen Körperzellen und regen dort den Energiestoffwechsel an. "Von den vielen Knoten, die sich in der Schilddrüse bilden können, sind nur die wenigsten bösartig", erläutert Professor Weber. "Der Schilddrüsenkrebs gehört zu den selteneren und vor allem ungefährlicheren Krebsformen." Eine OP ist hier immer die erste Methode der Wahl – je nach spezifischem Befund gefolgt von einer sogenannten Radiojodtherapie. Hierdurch werden die überaktiven Bereiche der Schilddrüse gezielt von innen bestrahlt und so verbliebene Tumorzellen zerstört.