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Bedeutung für die klinische Versorgung

In der der klinischen Versorgung existieren wichtige praktische Anwendungsfelder für die neuropsychologische Diagnostik und Begutachtung. So definieren die beeinträchtigten Gedächtnisfunktionen und zusätzliche Störungen des Denkvermögens oder der Sprache die verschiedenen dementiellen Erkrankungen. Ebenso machen die neuropsychologischen Funktionsausfälle beim amnestischen Syndrom (z.B. bei der alkoholinduzierten amnestischen Störung) die Kernsymptomatik der psychiatrischen Erkrankung aus. Bei schizophrenen Erkrankungen treten unabhängig von Wahnsymptomen und Halluzinationen deutliche Störungen der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses und des Denkvermögens auf. Die neuropsychologische Untersuchung wird hier zur Differentialdiagnose herangezogen. Prognosen hinsichtlich der beruflichen Wiedereingliederung profitieren von objektiven Leistungsmaßen zur Intelligenz und zum Lernvermögen. Die neuropsychologische Untersuchung ist zentral für die Begutachtung der Fahreignung von Patienten, die medikamentös neu eingestellt wurden oder von Patienten, die kognitiv beeinträchtigt sind. Neben der klinischen Bedeutung der Neuropsychologie für die psychiatrische Diagnose und die Behandlungsprognose werden den Patienten neuropsychologische Therapiemaßnahmen angeboten, die die Aufmerksamkeit, das Denkvermögen und das Gedächtnis wieder verbessern helfen. Auf der Grundlage der Erhebung des neuropsychologischen Leistungsprofils in der neuropsychologischen Untersuchung wird ein individuelles neuropsychologisches Therapieprogramm abgeleitet. Für Patienten mit schizophrenen Psychosen und für alkoholabhängige Patienten konnte bereits aufgezeigt werden, dass signifikante Verbesserungen durch die neuropsychologische Therapie erreicht werden können.

Die neuropsychologische Untersuchung

In der neuropsychologischen Untersuchung werden die Funktionen des Gehirns wie die Sinneswahrnehmung, die Bewegungskoordination, die Aufmerksamkeit, das Gedächtnis, das Denk- und Sprachvermögen, aber auch die Gefühlsverarbeitung und die Persönlichkeitseigenschaften systematisch getestet. Die spezialisierten Neuropsychologen setzen für das jeweilige Krankheitsbild angepasste Testbatterien ein. Eine solche Untersuchung dauert in der Regel mehrere Stunden und kann über zwei oder mehr Termine verteilt sein.

Dabei sitzt der Neuropsychologe mit dem Patienten in der Regel an einem Tisch oder vor dem Computer. Bei der Untersuchung der Wahrnehmungsfunktionen zeigt der Neuropsychologe Gegenstände, Bilder, Symbole oder Wörter und bittet den Patienten, seine Wahrnehmung zu benennen. Eine Testung des Gedächtnisses besteht in der Regel darin, dass dem Patienten eine Liste von Wörtern oder eine Reihe von Gegenständen dargeboten wird. Er wird gebeten, sich die Wörter oder Gegenstände zu merken und anschließend im freien Abruf wieder zu geben. Wird dieser Vorgang wiederholt, erhält man neben der unmittelbaren Merkspanne auch Auskunft über die Lernfähigkeit und über längerfristiges Behalten. Eine Untersuchung des Problemlösens und des Denkvermögens (Intelligenz) erfolgt in der Regel mit Aufgaben auf Aufgabenblättern. Der Neuropsychologe gibt dabei die Instruktionen zu den einzelnen Aufgaben in standardisierter Form vor und überwacht die Einhaltung der Bearbeitungsregeln und die zur Verfügung stehende Lösungszeit. Untersuchungen der Psychomotorik, Reaktionsgeschwindigkeit und der Aufmerksamkeitsfunktionen (geteilte Aufmerksamkeit, selektive Aufmerksamkeit etc.) erfolgen häufig mithilfe von Computerprogrammen. Hierbei sollen die Patienten auf zuvor definierte Stimuli schnell reagieren – bzw. auf andere Stimuli gezielt nicht reagieren.

Bevor also die Therapie bestimmter Funktionsbereiche wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit oder Handlungssteuerung beginnt, ermittelt der Neuropsychologe ein Leistungs- und Verhaltensprofil des individuellen Patienten. Vor allem werden auch die noch verbliebenen, meist zahlreichen Fähigkeiten erfasst und dargestellt. Auf der Basis dieser testdiagnostischen Untersuchungen wird schließlich das Therapieprogramm erstellt.

Die neuropsychologische Therapie

Über die Bestimmung der Funktionsfähigkeit hinaus werden den betroffenen Patienten therapeutisch-rehabilitative Ansätze in Form von Psychoedukation, Unterstützung der Krankheitsverarbeitung, Funktionstraining und kompensatorischer Hilfen angeboten. Die Neuropsychologen führen aufbauend auf dem individuellen Leistungsprofil Gedächtnis- und Aufmerksamkeitstrainings durch. Die Einheiten zur Wiederherstellung beeinträchtigter Funktionen umfassen Methoden, die durch Training das Gehirn anregen, entweder Nervenverbindungen wieder stärker zu nutzen oder andere Hirnbereiche und Hirnfunktionen für die beeinträchtigte Funktion unterstützend heranzuziehen. So werden Aufmerksamkeitsfunktionen und Gedächtnis durch immer wiederholte Reizvorlagen und Übungen trainiert, auf die am Computer im richtigen Moment reagiert werden muss. Auf diese Weise können verlangsamte Reaktionen und verlorengegangene motorische Fertigkeiten wieder aufgebaut und verbessert werden. Oder es werden effektive Mnemo-Techniken zur Unterstützung des Gedächtnisses erarbeitet. Durch Übungen im alltäglichen Umfeld und durch Hausaugaben werden die Funktionszuwächse in die Alltagsbewältigung der betroffenen Patienten übertragen.

Neben den Techniken zur Wiederherstellung der beeinträchtigten Funktionen werden in der neuropsychologischen Therapie vielfältige Möglichkeiten erarbeitet, die die beeinträchtigten Funktionen unterstützen oder ersetzen. Damit werden die Funktionen nicht wieder hergestellt, die Beeinträchtigungen werden jedoch großenteils kompensiert. So werden in der Therapie einfache technische Hilfsmittel wie Notizblöcke neben dem Telefon oder tragbare Memo-Computer vorgestellt – oder das Handy wird als äußere Unterstützung und Erinnerungshilfe herangezogen. Der auf die individuelle Symptomatik zugeschnittene Einsatz solcher Hilfsmittel wird mit dem Patienten und oft auch mit den Angehörigen trainiert. Gleichermaßen werden  alle Möglichkeiten genutzt, die häusliche und berufliche Umgebung so zu gestalten, dass ein Patient trotz Funktionseinbussen maximal selbständig sein kann. Beispielsweise werden bei Aufmerksamkeitsstörungen störende Lärmkulissen und ein Übermaß an optischen Reizen abgeschirmt. Durch bedarfsgerecht gelegte Arbeitspausen werden chronische Überlastung und Kopfschmerzen vorgebeugt. Techniken der Stressbewältigung und Selbstmotivation werden eingesetzt, um die Patienten in ihrer Alltagsbewältigung zu unterstützen. Die psychische Führung und Unterstützung durch den Therapeuten in der neuropsychologischen Behandlung verringert die Angst und Verzweiflung in Situationen, in denen die Patienten befürchten, ihre Selbständigkeit einzubüssen.

Bedeutung für die Forschung

In klinischen Studien werden die neuropsychologischen Testergebnisse als wichtige Erfolgsparameter für die Wirksamkeit von Psychopharmaka zur Behandlung schizophrener Psychosen und dementieller Erkrankungen eingesetzt. Neuropsychologische Tests ermöglichen die Monitorierung verbesserter kognitiver Funktionen im Therapieverlauf. Das neuropsychologische Leistungsprofil wird bei verschiedenen psychischen Störungen als Prädiktor für den Behandlungserfolg eingesetzt. Die neuropsychologischen Tests werden in der Bildgebung als Aufgaben in experimentalpsychologischen Designs eingesetzt. Dadurch können die genau definierten Hirnfunktionen mit strukturellen Veränderungen (Magnetresonanz-Tomographie und Diffusion-Tensor-Imaging) oder mit aktivierten Cortexarealen (Positronen-Emissions-Tomographie; funktionelle Magnetresonanz-Tomographie) in Verbindung gebracht werden.