DRUCKEN

30. December 2020

Forschung zu Stillförderung und Muttermilchbanken: Bundesweites Innovationsfondsprojekt NEO-MILK startet

Langfristiges Ziel: Zugang zu Muttermilch für jedes Frühgeborene unter 1.500 Gramm ab dem ersten Lebenstag
Newsbild

Unter der Konsortialführung des Instituts für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft (IMVR) der Universität zu Köln und mit Beteiligung der Neonatologie der Universitätsmedizin Mainz startet zum 1. Januar 2021 das Projekt NEO-MILK. Die Interventionsstudie, eine experimentelle, kontrollierte Studie, soll den Effekt der Versorgung von Frühgeborenen mit Muttermilch möglichst genau messen. Sie wird für vier Jahre mit insgesamt ca. 4,7 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds der Bundesregierung gefördert. Neben einer Vielzahl an wissenschaftlichen und klinischen Kooperationspartnern sind auch Krankenkassen an dem Projekt beteiligt.  .  

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden unter anderem 2.700 Mütter von Frühgeborenen auf neonatologischen Intensivstationen nach ihren Erfahrungen und Bedürfnissen befragen. In der Folge soll ein Stillförderungskonzept entwickelt werden. Das Projekt sieht des Weiteren Schulungen der Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte vor sowie die Entwicklung einer App für Mütter von Frühgeborenen. Die Schulungen und die App-Entwicklung erfolgen unter Berücksichtigung sozialpsychologischer und verhaltensökonomischer Aspekte der Wissensvermittlung. Außerdem werden rechtliche Aspekte untersucht und bewertet, um Rahmenbedingungen für zukünftige Muttermilchbanken zu schaffen.

Nach den Vorarbeiten werden ab 2022 das Stillförderungskonzept und die Muttermilchbanken an zwölf beteiligten Perinatalzentren starten. Zwei Jahre lang wird der Einsatz des Versorgungskonzeptes wissenschaftlich beobachtet und begleitend evaluiert.

Zum einen erheben die Forscherinnen und Forscher – unter Berücksichtigung des Datenschutzes – Daten über den Anteil der Kinder, die bei der Entlassung mit Muttermilch ernährt werden. Zum anderen analysieren sie das Spende- und Stillverhalten der Mütter sowie die Nutzung der Muttermilchbank, um zu beurteilen, welchen Beitrag beides zur Verbesserung der Versorgung leisten kann. Darüber hinaus erfolgt eine gesundheitsökonomische Evaluation.

Die Universitätsmedizin Mainz beteiligt sich insbesondere in der Etablierung und Implementierung der Maßnahmen zur Stillförderung an diesem G-BA-Förderprojekt zu neuen Versorgungsformen. Es gilt, u.a. evidenzbasierte Leitlinien zu erstellen und andere Krankenhäuser sowie die Mütter aufzuklären und zu beraten.

„Wir sind seit 15 Jahren Perinatalzentrum Level 1. Wir freuen uns darauf, unsere reichhaltige Erfahrung nun in die Erstellung und Umsetzung des Stillförderungskonzepts einbringen zu können. Unseren unmittelbaren Kontakt zu den Frühgeborenen und ihren Müttern werden wir nutzen, um diese beispielsweise beim Stillen beratend zu unterstützen“, erläutert die Projektverantwortliche der Universitätsmedizin Mainz und Sektionsleiterin Neonatologie, Univ.-Prof. Dr. Eva Mildenberger. Seitens der Universitätsmedizin Mainz arbeiten zudem Theresa Antabi, Gesundheits- und Kinderkrankenschwester und zertifizierte Still- und Lactationsberaterin, Dr. Katharina Schmitz, Kinderärztin in Weiterbildung zur Neonatologin, und Pia Spille, Gesundheits- und Kinderkrankenschwester mit Fachweiterbildung Intensiv an NEO-MILK mit.

In Deutschland kommen jedes Jahr ca. 10.500 Frühgeborene mit weniger als 1.500 Gramm Geburtsgewicht zur Welt. Sie sind in besonderem Maße von Komplikationen betroffen, die zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen oder zum Tod führen können. Stillförderung ist ein Schlüsselelement, um Frühgeborene bestmöglich zu versorgen, denn es ist unbestritten, dass Muttermilch die beste Ernährung von Neugeborenen ist.

Sie ist gerade für frühgeborene Kinder essenziell, zum einen für die Verhinderung vital bedrohlicher Infektionen wie beispielsweise die nekrotisierende Enterokolitis (NEC), eine häufig akute Erkrankung des Magen-Darm-Traktes. Zum anderen ist sie für die Prägung des Immunsystems und die kognitive Entwicklung entscheidend. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt deshalb bereits seit über 15 Jahren die ausschließliche Ernährung mit Muttermilch. Durch verfügbare Muttermilch könnten Komplikationen verringert, die Entwicklung der Kinder gefördert und die Versorgungskosten reduziert werden.

Muttermilchbanken existieren weltweit seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Während die DDR an dem Konzept der Humanmilchbanken festhielt, wurden sie in Westdeutschland im Laufe der Jahrzehnte abgeschafft. Neben vielen Faktoren war eine Ursache dafür das Aufkommen der industriell gefertigten Formula-Nahrung.

Auch wenn sich wieder ein Trend in Richtung der Muttermilch abzeichnet: Aktuell findet in Deutschland weder eine strukturierte Stillförderung statt, noch ist für Frühgeborene der Zugang zu Muttermilch in der Breite gewährleistet. So sind momentan etwa 30 Muttermilchbanken in Betrieb, es existieren jedoch alleine mehr als 200 Perinatalzentren (Level 1), in denen Früh- und Neugeborene versorgt werden.

Nach Projektende bewertet die Förderinstitution die Ergebnisse und entscheidet auf Basis der erarbeiteten rechtlichen und strukturellen Grundlagen über die bundesweite Etablierung von Muttermilchbanken. Durch eine strukturierte Stillförderung könnte die Versorgung Frühgeborener in der Breite deutlich verbessert werden.

 

Beteiligte Projektpartner

Universitäten:

  • Bielefeld: Exzellenzcluster Kognitive Interaktionstechnologie (CITEC);
  • Bonn: Uniklinik (Neonatologie); Institut für Patientensicherheit (IfPS)
  • Düsseldorf: Lehrstuhl für deutsches, europäisches und internationales Privat- und Verfahrensrecht
  • Köln: IMVR (Konsortialführung); Uniklinik (Neonatologie); Institut für Medizinische Statistik und Bioinformatik (IMSB); Behavioral Management Science
  • Mainz: Universitätsmedizin Mainz (Neonatologie am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin)
  • Wuppertal: Lehrstuhl für Versorgungsforschung und Gesundheits-ökonomische Evaluation

TAKEPART Media, Köln

Frauenmilchbank-Initiative e.V. (FMBI), Hamburg

Krankenkassen: AOK Rheinland/Hamburg, DAK Gesundheit, TK, pronova BKK

Advisory Board:

  • Nationale Stillkommission (NSK), Deutscher Hebammenverband e.V.,
  • Bundesverband „Das frühgeborene Kind“ e.V., Deutsche Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM)

 

Weitere Informationen:

NEO-MILK – Muttermilchbanken: Implementierung und Förderung der Laktation auf deutschen neonatologischen Intensivstationen - G-BA Innovationsfonds (g-ba.de)

www.neo-milk.de

 

Kontakt
Univ.-Prof. Dr. Eva Mildenberger, Sektionsleiterin Neonatologie
Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsmedizin Mainz,
Tel. 06131 17-5890, Fax 06131 17-3477,
E-Mail: eva.mildenberger@unimedizin-mainz.de

  

Pressekontakt Universitätsmedizin Mainz
Barbara Reinke, Unternehmenskommunikation der Universitätsmedizin Mainz,
Tel. 06131 17-7428, Fax 06131 17-3496,
E-Mail: pr@unimedizin-mainz.de

 

Über die Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Die Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ist die einzige medizinische Einrichtung der Supramaximalversorgung in Rheinland-Pfalz und ein international anerkannter Wissenschaftsstandort. Sie umfasst mehr als 60 Kliniken, Institute und Abteilungen, die fächerübergreifend zusammenarbeiten. Hochspezialisierte Patientenversorgung, Forschung und Lehre bilden in der Universitätsmedizin Mainz eine untrennbare Einheit. Rund 3.400 Studierende der Medizin und Zahnmedizin werden in Mainz ausgebildet. Mit rund 8.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist die Universitätsmedizin zudem einer der größten Arbeitgeber der Region und ein wichtiger Wachstums- und Innovationsmotor. Weitere Informationen im Internet unter www.unimedizin-mainz.de