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Warum Tierversuche?

Tierversuche machen einen kleinen aber immer noch sehr wichtigen Teil der Forschung aus. Tierversuche sind komplex, zeitaufwändig, teuer und können durchaus auch nicht nur belastend für das Tier, sondern auch für die Durchführenden sein. Schon alleine daher werden Tierversuche nur als letzte Option für den Erkenntnisgewinn herangezogen und niemals leichtfertig durchgeführt. Außerdem sind Tierversuche nur dann rechtlich erlaubt, wenn es keine tierfreien Alternativen gibt. Warum werden dann überhaupt Tierversuche durchgeführt? Die Wirkungsweise einer Substanz auf einen bestimmten Zelltyp kann man häufig schnell und einfach in einer Zellkultur testen. Hierdurch kann ein guter erster Eindruck gewonnen werden. Allerdings ist die Situation in einer Zellkultur nur sehr schwer mit einem menschlichen Körper vergleichbar. Hier ist es nicht möglich eine Substanz auf einen bestimmten Zelltyp "draufzuwerfen". Wie gelangt meine Substanz überhaupt zu meiner Zelle? In welcher Konzentration kommt sie dort an? Wird sie vorher abgebaut? Welche andere Zellen, Gewebe oder Mechanismen werden beeinflusst? Wird die Wirkung von anderen Mechanismen überlagert? Wie beeinflusst die manipulierte Zelle ihre Umgebung? Aus all diesen Fragen wird klar, dass es sehr schwer ist, die Komplexität des menschlichen Körpers in einer Zellkultur nachzubilden. Recht gute Ansätze liefern hier Organ-on-Chip Modelle, an denen derzeit intensiv geforscht wird.
Häufig wird argumentiert, dass Mensch und Versuchstier zu verschieden sind und die Ergebnisse daher nicht übertragbar sind. Die direkte Übertragung von Forschungsergebnisse auf den Menschen ist aber vor allem in der Grundlagenforschung nicht unbedingt immer das vorderste Ziel. Hier geht es häufig darum grundlegende biologische Abläufe zu verstehen. Dieses Verständnis ermöglicht es gezielt, beispielsweise therapeutisch in solche Prozesse einzugreifen. Aufgrund der evolutionären Entwicklung des Lebens bestehen aber auch viele grundlegende Gemeinsamkeiten von Mensch und Tier. Die wichtigsten Prozesse sind einmal entstanden und stark konserviert. Unterschiede sind häufig einfach Variationen von Grundbauplänen. Mehr als 80% der Gene von Mensch finden sich zudem beispielsweise auch in der Maus wieder, unter anderem ein Grund dafür dass diese das Versuchstier Nummer eins ist.

Rechtliche Grundlagen

Tierversuche bedürfen der Genehmigung. Sie sind nur zulässig, um Krankheiten zu erkennen, zu behandeln oder ihnen vorzubeugen, Umweltgefährdungen zu identifizieren, Stoffe oder Produkte auf ihre gesundheitliche Unbedenklichkeit zu prüfen oder Grundlagenforschung zu betreiben. Dabei wird vom Forscher erwartet, dass er sich bei der Planung seines Versuchs über den Stand der Forschung informiert und belegt bzw. dokumentiert, dass sein Vorhaben über die bereits vorhandenen Erkenntnisse hinausführen kann. Das deutsche Tierschutzgesetz enthält im weltweiten Vergleich mit die strengsten Bestimmungen und sorgt so für den größtmöglichen Schutz der Versuchstiere.

Alle Versuche an Wirbeltieren, die vom Staat etwa im Rahmen der Arzneimittelgesetze vorgesehen sind, sind anzeigepflichtig. Für alle anderen Versuchsvorhaben mit Wirbeltieren sind behördliche Genehmigungen erforderlich. Eine solche Genehmigung wird nur erteilt wenn es für den Versuch keine tierfreie Alternative gibt, der Versuch unerlässlich ist und auf Grund einer sorgfältigen Abwägung vom konkreten Nutzen des Versuches und den direkten negativen Konsequenzen für die Versuchstiere als ethisch vertretbar eingestuft wird. Hierzu muss der Antragssteller im Tierversuchsantrag ausführlich und wissenschaftlich belegt Stellung nehmen. Weiter muss die Versuchsleiterin / der Versuchsleiter und alle Mitarbeiter besondere fachliche Qualifikationen nachweisen.

Für die Genehmigung eines Tierversuchsantrag muss nachgewiesen sein ,dass artgerechte Unterbringung, Pflege sowie medizinische Versorgung der Tiere vor, während und nach den Versuchen sichergestellt sind.

Zur Beurteilung der Anträge und zu ihrer Beratung zieht die Genehmigungsbehörde eine Expertenkommission zu Rate. Ihr gehören sowohl tierexperimentell erfahrene Personen als auch Mitglieder von Tierschutzvereinen resp. -organisationen an. Erst wenn die Genehmigung vorliegt, dürfen die Forscher mit den Versuchen beginnen.

modern ausgestatteter Maus-Haltungsraum am TARC

Wie gehen wir mit unseren Versuchstieren um?

Das 3R-Prinzip wird bei und groß geschrieben. Die 3Rs stehen für „Refine“, „Reduce“ und „Replace“, also die Verbesserung des Wohlbefindens der Versuchstiere, die Reduktion von Versuchstieren und der Ersatz von Tierversuchen, wo immer dies möglich ist. Die Theorie der 3R von Russel und Burch ist bereits mehr als ein halbes Jahrhundert alt und wird seit der Gründung der Theorie in den deutschen Forschungseinrichtungen, wie auch in unserer, gelebt.

Viele Forscher der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz arbeiten deshalb auch an Alternativmethoden zum Tierversuch. Am TARC wurde hierfür ebenfalls eine eigene 3R-Forschergruppe gegründet. Uns ist es ein besonderes Anliegen, da wo Tierversuche derzeit noch unvermeidlich sind, besonders das Refinement in den Mittelpunkt zu Stellen und das Wohlbefinden der Versuchstiere stetig zu verbessern. Unser motiviertes und gut ausgebildetes Team von Tierärzten, Biologen, Technischen Assistenten und Tierpflegern (vom Azubi bis zum Meister) gewährleistet zudem eine optimale Versorgung der Versuchstiere.

Maus wird für einen Trainingserfolg mit weißer Schokolade belohnt

Die Versuchstierhaltung am TARC

In der Versuchstierhaltung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz am TARC werden vorwiegend Mäuse gehalten. Neben den Mäusen machen die Zebrabärblinge  die zweitgrößte Versuchstiergruppe aus. In deutlich kleinerer Anzahl werden auch Ratten, Rennechsen und Krallenfrösche, seltener Hamster, Meerschweinchen oder Kaninchen für Versuche eingesetzt.

Zebrabärblinge als Versuchstiere

Uns ist ein besonderes Anliegen, den Tierschutz für die am TARC gehaltenen Tiere umfassend sicherzustellen. Mit unseren modernen Tierhaltungen sind die heutigen hohen Standards für eine bedarfsgerechte Unterbringung der Tiere gewährleistet. Weiter fördern wir durch die Einbindung einer dem TARC angehörigen Forschergruppe den Tierschutz. Hierbei versuchen wir wissenschaftlichen Tierschutz mittels des 3R Prinzips umzusetzen. Die 3R stehen für „Replace“ (Vermeidung von Tierversuchen durch den Einsatz von Alternativmethoden), „Reduce“ (Verringerung der Anzahl der Versuchstiere) und „Refine“ (Verminderung des Leidens der Versuchstiere und die Verbesserung ihrer Lebenssituation). Die Forschergruppe beschäftigt sich mit Alternativmodellen durch 3D-Druck, Refinementstrategien in Zucht und Haltung von Nagern, Versuchsoptimierungen zur Verringerung von Belastungen bei Tieren im Versuch, strategische Neuorientierungen bei Versuchsdesigns zur Minimierung von Tierzahlen und bei der Nutzung digitaler Netzwerke zur Mehrfachnutzung genetisch veränderter Nagetiere im nationalen und internationalen Bereich. Die moderne Tierhaltung gewährleistet eine optimale Versorgung der Labortiere und stellt eine artgerechte Unterbringung, Pflege sowie medizinische Versorgung der Tiere während und nach den Versuchen sicher. Weiter tragen vor allem auch unsere gut ausgebildeten und motivierten Tierpflegerinnen und Tierpfleger, vom Azubi bis zum Meister, zu bestmöglichen Betreuung unserer Tiere bei.


Die Tierhaltung ermöglicht weiterhin durch Einsatz moderner Barrieretechnologien einen spezifiziert Pathogen-freien (SPF) Hygienestatus der Nagetiere. Die SPF-Haltung der Versuchstiere kommt einerseits den Versuchstieren zugute, da diese nicht mehr an Infektionen erkranken können. Andererseits ist die SPF-Hochhygienehaltung wichtig, da sehr viele wissenschaftliche Untersuchungen am Immunsystem der Tiere durchgeführt werden, die nicht durch etwaige Infektionen gestört werden dürfen. Die Immunologie ist die Lehre der Körperabwehr und spielt bei vielen Krankheitsprozessen des Menschen (wie Infektionen, Allergien, Arteriosklerose und Krebs) eine maßgebliche Rolle.

Die aktuellen Zahlen der in Deutschland für wissenschaftliche Zwecke eingesetzten Tiere finden Sie auf der Internetseite des BMEL.

Viele weitere nützliche Informationen zum Thema Tierversuche finden Sie beispielsweise auf der Website von Tierversuche verstehen oder Pro-test.