Das oft unterschätzte rechte Herz –
warum es für unser Leben entscheidend ist

Wenn wir über das Herz sprechen, denken die meisten Menschen automatisch an die „linke Herzhälfte“. Dort entsteht der kräftige Druck, der unser Blut durch den gesamten Körper pumpt – zu Gehirn, Muskeln und Organen. Kein Wunder also, dass sich Medizin und Forschung über Jahrzehnte vor allem auf diesen Teil des Herzens konzentriert haben.

Doch das Herz ist ein Teamplayer. Und wie in jedem guten Team gibt es keine unwichtigen Positionen.

Das rechte Herz übernimmt eine ebenso lebenswichtige Aufgabe: Es pumpt das sauerstoffarme Blut in die Lunge, wo es wieder mit Sauerstoff „aufgeladen“ wird. Man könnte sagen: Das rechte Herz ist die Verbindung zur frischen Luft im Körper. Ohne diese Funktion würde das gesamte System innerhalb kürzester Zeit zusammenbrechen.

Besonders wichtig sind dabei zwei Herzklappen: die Trikuspidalklappe und die Pulmonalklappe. Sie wirken wie fein abgestimmte Ventile und sorgen dafür, dass das Blut in die richtige Richtung fließt – ohne Rückstau, ohne Chaos. Wenn diese Klappen nicht mehr richtig schließen oder öffnen, gerät das empfindliche Gleichgewicht ins Wanken.

Die Folgen können erheblich sein: Flüssigkeit sammelt sich im Körper, die Leistungsfähigkeit nimmt ab, Atemnot entsteht – und viele Betroffene fühlen sich dauerhaft erschöpft. Lange Zeit wurden solche Beschwerden häufig anderen Ursachen zugeschrieben oder als „Begleiterscheinung“ akzeptiert. Heute wissen wir: Das war ein Fehler.

Denn insbesondere die Trikuspidalklappen-Insuffizienz ist keine harmlose Nebenbefundung, sondern kann das Fortschreiten einer Herzschwäche entscheidend mitbestimmen – und damit auch die Lebenserwartung und Lebensqualität der Patienten.


Ein Umdenken in der Herzmedizin

In den letzten Jahren hat sich deshalb ein grundlegender Wandel vollzogen. Das rechte Herz rückt zunehmend in den Fokus der modernen Kardiologie. Neue diagnostische Möglichkeiten und innovative Therapien – insbesondere schonende kathetergestützte Verfahren – eröffnen heute ganz neue Behandlungsoptionen.

Klappeneingriffe an der Trikuspidal- und Pulmonalklappe gewinnen daher zunehmend an Bedeutung, da Erkrankungen des rechten Herzens bei Herzpatienten immer stärker in den Fokus rücken. Während lange Zeit vor allem das linke Herz im Mittelpunkt stand, zeigen aktuelle Erkenntnisse, dass Funktionsstörungen dieser Klappen maßgeblich zur Prognose und Lebensqualität beitragen können. Insbesondere die Trikuspidalinsuffizienz ist häufig und wurde früher oft unterschätzt, obwohl sie zu schwerer Rechtsherzinsuffizienz führen kann. Fortschritte in der interventionellen und chirurgischen Therapie ermöglichen heute gezieltere und schonendere Behandlungen.

Insgesamt spiegelt diese Entwicklung einen echten Paradigmenwechsel wider: Das rechte Herz wird nicht länger übersehen, sondern als das erkannt, was es ist – ein entscheidender Schlüssel für die ganzheitliche Betreuung von Herzpatienten.

2023 – Ein Meilenstein: Die letzte Klappe wird minimal-invasiv ersetzbar

Ein entscheidender Moment kam im November 2023 – und er fand in Mainz statt.

Mit der weltweit ersten kommerziellen Implantation einer Evoque-Trikuspidalklappe wurde ein lange verfolgtes Ziel Realität: Nun können erstmals alle vier Herzklappen minimal-invasiv, also ohne große Operation am offenen Herzen, ersetzt werden.

Das ist mehr als ein technischer Fortschritt. Es ist ein Paradigmenwechsel.

Gerade die Trikuspidalklappen-Insuffizienz – also eine Undichtigkeit der rechten Herzklappe – wurde lange unterschätzt. Dabei ist sie alles andere als harmlos. Viele Patientinnen und Patienten leiden unter massiven Einschränkungen: geschwollene Beine, Flüssigkeit im Bauch, Luftnot, Leistungsabfall. Oft kommen noch Probleme mit Leber und Nieren hinzu.

Das Tragische: Viele dieser Menschen waren bisher kaum behandelbar. Eine Operation war häufig zu riskant – mit zum Teil hoher Sterblichkeit.

Mit der neuen kathetergestützten Klappe hat sich das grundlegend geändert. Plötzlich gibt es eine echte Therapieoption – auch für schwer kranke Patienten. Studien wie TRISCEND II (muss man sich nicht merken)  zeigen eindrucksvoll, dass sich Lebensqualität und Belastbarkeit deutlich verbessern können.

Oder etwas einfacher gesagt: Menschen bekommen ihr Leben zurück.

Von der Idee zur Realität – ein Kreis schließt sich

Für die Beteiligten ist diese Entwicklung weit mehr als nur medizinischer Fortschritt – sie ist auch eine sehr persönliche Geschichte.

Von 2006 bis 2009 hatte ich das große Privileg, an der Entstehung eines völlig neuen Kapitels der kardiovaskulären Medizin mitzuwirken: der minimal-invasiven, nicht-operativen Behandlung von Herzklappenerkrankungen. Was damals noch visionär erschien, ist heute aus der modernen Herzmedizin nicht mehr wegzudenken.

Bei der allerersten Implantation einer Harmony-Klappe im Jahr 2009 dabei zu sein, war ein Moment, der sich einprägt – weil man spürt, dass hier etwas beginnt, das die Medizin nachhaltig verändern wird.

Sechzehn Jahre später schließt sich nun ein besonderer Kreis: Gemeinsam mit einem großartigen interdisziplinären Team konnten wir an der Universitätsmedizin Mainz erstmals erfolgreich mehrere Harmony-Klappen implantieren.

Die Entwicklung eines solchen Verfahrens – von den ersten experimentellen Schritten bis hin zur sicheren Anwendung im klinischen Alltag – mitzuerleben und aktiv mitzugestalten, ist etwas ganz Besonderes. Es sind genau diese Momente, in denen aus Innovation gelebte Medizin wird – und aus einer Idee konkrete Hilfe für Patientinnen und Patienten.

Die Technologien sind gereift, die Verfahren sicher geworden – und das, was einst als Innovation begann, ist heute klinische Realität - und dann, viele Jahre später, schließt sich der Kreis.

2026 – Der nächste Schritt: Schonende Therapie für die Pulmonalklappe

Im Februar 2026 folgt der nächste wichtige Schritt – wieder in Mainz.

Erstmals werden mehrere Patientinnen und Patienten mit einer Pulmonalklappen-Erkrankung minimal-invasiv behandelt, ohne Operation am offenen Herzen. Eine neue, selbstexpandierende Klappenprothese wird über die Leistenvene zum Herzen geführt und dort präzise eingesetzt.

Das klingt fast unspektakulär – ist aber für viele Betroffene ein enormer Fortschritt.

Denn gerade Menschen mit angeborenen Herzfehlern mussten bislang oft mehrere große Operationen über sich ergehen lassen – häufig schon im Kindes- oder Jugendalter. Jede weitere Operation ist belastend, risikoreich und mit langen Erholungszeiten verbunden.

Die neue Technik ändert das grundlegend:

  • kein Öffnen des Brustkorbs
  • keine Herz-Lungen-Maschine
  • deutlich schnellere Erholung

Oder anders gesagt: weniger Trauma, mehr Zukunft.

Mainz als Motor der Innovation

Dass diese Entwicklungen ausgerechnet in Mainz stattfinden, ist kein Zufall.

Hier arbeiten Kardiologen und Herzchirurgen eng zusammen – nicht nebeneinander, sondern miteinander. Innovation entsteht nicht im Alleingang, sondern im Team.

Die enge Zusammenarbeit zwischen interventioneller Kardiologie und Herzchirurgie, die Beteiligung an internationalen Studien und die konsequente Umsetzung neuer Technologien machen Mainz zu einem der führenden Zentren auf diesem Gebiet.

Der Anspruch ist klar:
Nicht nur über Innovation sprechen – sondern sie möglich machen.

In der Presse gewürdigt

Dass Spitzenmedizin aus Mainz inzwischen weltweit wahrgenommen wird, zeigt die eindrucksvolle Berichterstattung über die Live-Übertragung komplexer Herzklappeneingriffe zum größten europäischen Kardiologiekongress nach Paris.

Die Würdigung in der Presse unterstreicht, was sich in der Fachwelt längst etabliert hat: Die Universitätsmedizin Mainz gehört zu den führenden Zentren der interventionellen Herzklappentherapie. Besonders die Kombination aus Innovation, klinischer Exzellenz und interdisziplinärer Zusammenarbeit macht diese Erfolge möglich.

Solche internationalen Live-Demonstrationen sind weit mehr als nur technische Meisterleistungen – sie stehen für Vertrauen, Erfahrung und den Anspruch, Medizin auf höchstem Niveau nicht nur anzuwenden, sondern aktiv weiterzuentwickeln.

Oder anders gesagt: Mainz spielt längst in der ersten Liga der Herzmedizin – und die Welt schaut dabei zu.

Ein neuer Blick auf das Herz

Was bleibt, ist eine wichtige Erkenntnis:

Das rechte Herz ist kein Nebendarsteller. Es ist ein entscheidender Faktor für Lebensqualität, Prognose und letztlich auch für das Überleben vieler Patientinnen und Patienten.

Die moderne Herzmedizin beginnt, dieses Gleichgewicht neu zu denken.

Und vielleicht ist das die wichtigste Botschaft:
Fortschritt bedeutet nicht nur, Neues zu erfinden.
Manchmal bedeutet er auch, endlich das richtig ernst zu nehmen, was wir lange übersehen haben.