Visual Universitätsmedizin Mainz

50 Jahre Kinderintensivstation Mainz

Kennen Sie noch Gebäude 105?

Auszüge aus der Festschrift "50 Jahre Kinderintensivstation Mainz"
(Pädiatrisches Intensivmedizinisches Jubiläumssymposium, 1.-2. Oktober 2015).

"Können Sie sich noch an das Gebäude 105 erinnern? Den Flachbau zwischen Kinderklinik und Frauenklinik, lästernd als die 'Baracke' bezeichnet?

Wissen Sie, dass in diesem Gebäude deutsche Medizingeschichte geschrieben wurde?

Hier wurde 1965 die erste Intensivstation für Kinder in Deutschland eingerichtet. Sie wurde Vorbild und Lehrstätte für alle nachfolgenden Einrichtungen dieser Art [...]."

Das ehemalige Gebäude 105, die "Baracke".
Eingang zur Intensivstation. Im Hintergrund rechts die alte Frauenklinik.

"1965 bekam der damalige Direktor der Universitäts-Kinderklinik, Prof. Dr. Ullrich Köttgen, als Belohnung für die Ablehnung eines Rufs einen Neubau der Poliklinik, eben dieses Gebäude 105. Dieser Fertigbau war als Provisorium bis zum Neubau der Kinderklinik gedacht. Immerhin hielt das Provisorium 30 Jahre. In dieses Gebäude wurde eine Aufnahmestation integriert, in der schwerkranke Kinder diagnostiziert und stabilisiert werden sollten, bevor sie auf die Stationen der Kinderklinik verlegt wurden. Es war auch geplant, dass in dieser Einheit im Bedarfsfall gemeinsam mit den Anästhesisten Kinder beatmet werden. In den Anfangsjahren waren die Anästhesie-Assistenten Dr. Wolfgang Dick und Dr. Miklos Halmagyi unsere regelmäßigen und verlässlichen Helfer und Lehrer. Wir benutzten lange Jahre den Begriff 'Aufnahmestation', weil die Bezeichnung 'Intensivstation' in der Pädiatrie noch mit großem Misstrauen betrachtet wurde. Hatte man etwa vorher die schwerkranken Kinder nicht auch 'intensiv' betreut? Waren nicht die Infusionstherapie und die Poliomyelitis-Beatmungsstationen Domänen der Kinderheilkunde? Einigkeit herrschte jedoch darüber, dass es wirtschaftlich (schon damals ein wichtiges Argument!) und effektiv ist, Erfahrung und technische Ausrüstung zu bündeln. Das war der eigentliche 'Intensiv'-Gedanke.

Die Kinderklinik Mainz war in der Tat nicht ahnungslos. Wie viele große Kinderkliniken hatten wir schon vor der Einrichtung einer Intensivstation Erfahrungen mit der Versorgung schwerkranker Kinder und‚ Beatmungspatienten. Schließlich hatten alle Universitäts-Kinderkliniken seit der Poliomyelitis-Epidemie 1951 Erfahrungen mit der Beatmung gesammelt [...].

Raumplan der "Aufnahmestation".
Die Aufnahmezimmer waren der direkte Übergang zur Poliklinik/Aufnahme.

"Dr. Malte Neidhardt wurde der erste Stationsarzt (1965-1967) und Schw. Renate Winter die erste Stationsschwester der ersten Kinder-Intensivpflegestation Deutschlands.

Anschließend übernahm ich die Leitung der Station.
Unsere neue Einheit hatte 14 Betten, die in fünf kleineren (geeignet für 1 Großbett oder 2 Säuglingsbetten) und einem größeren Raum untergebracht waren.

Sämtliche Zimmer hatten eine Luftschleuse und waren daher auch bei Infektionskrankheiten benutzbar. Völlig unterschätzt hatten wir den Bedarf an Abstellräumen. Wir wurden in den ersten Jahren von vielen Ärzten des In- und Auslandes besucht, die ebenfalls eine derartige Einrichtung aufbauen wollten; unser wertvollster Rat war sicher: Lagerraum, Lagerraum, Lagerraum. Es dauerte viele Jahre, bis wir dieses Problem nachträglich zufriedenstellend lösen konnten (u.a. indem wir die Bibliothek der Kinderklinik umfunktionierten!).

Für die Versorgung der Frühgeborenen stand bereits ein eigenes kleines Gebäude (heute Gebäude 106) zur Verfügung. Von Anbeginn war die neue Station interdisziplinär ausgerichtet und wurde auch von den chirurgischen Fächern sofort angenommen. 1967 hatten wir dementsprechend 1/3 chirurgische und 2/3 pädiatrische Patienten [...].

Für die 14 Betten standen 10 Schwestern zur Verfügung und ich beschrieb 1968 in einem Bericht als besonders optimal: 'In dem größeren Raum, der besonders atmungsgestörten und frisch operierten Säuglingen dient, ist fast ständig eine Schwester anwesend.' Schichtdienst gab es noch nicht, sondern der Tagdienst wurde durch eine zweistündige Mittagspause geteilt. Der Nachtdienst wurde durch eine Schwester erfüllt. Wir hatten nur Schwestern eingesetzt, die sich freiwillig zu dieser Aufgabe gemeldet hatten und die die Problematik kannten. Die zeitliche und die psychische Belastung war für alle außerordentlich hoch. Das ganze System funktionierte nur, weil sich jeder mit seiner ganzen Person engagierte und mit der neuen Aufgabe identifizierte [...].

Bereits 1970 erforderte jedoch die zunehmend erfolgreichere und anspruchsvollere Intensivtherapie die Erhöhung des pflegerischen und ärztlichen Personals und allmählich die Einführung des Schichtdienstes. 1972 nannten wir uns endgültig Interdisziplinäre Kinderintensivstation [...].

50 Jahre enthalten natürlich auch viele, viele Geschichten, an die sich die 'Früheren' gerne erinnern. Z. B., wie plötzlich der Efeu durch die Wand des Gebäudes wuchs und es auf einmal im Flur grünte. Diese Jahre beinhalten aber vor allem eine enorme Entwicklung, medizinisch, pflegerisch, technisch. Und diese Tendenz hat sich sogar verstärkt (sozusagen intensiviert). Als Älterer kennt man sich kaum noch aus. Dennoch bin ich nicht fremd, wenn ich heute auf die moderne, größere, technisch versierte PICU in der Kinderklinik in Mainz gehe. Die Aufgaben, die Atmosphäre, das Engagement sind die gleichen wie damals vor 50 Jahren.

Allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dieser Gründerzeit habe ich immer das von mir verfremdete Goethewort zitiert:

'Von hier ging eine neue Epoche der Medizingeschichte aus und Ihr könnt sagen, Ihr seid dabei gewesen.'"

 

Prof. i. R. Dr. Bodo-Knut Jüngst
Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin Universitätsmedizin Mainz

50 Jahre Kinderintensivstation Universitätskinderklinik Mainz
Fotomontage: 50 Jahre Kinderintensivstation der Universitätskinderklinik Mainz (1965 - 2015).
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