Behandlung von Kommunikationsstörungen: Wenn Hören und Sprechen Türen öffnet

Wenn ein Kind nicht gut hört oder spricht, betrifft das nie nur das Kind allein – es verändert das Leben der ganzen Familie. In der Hals-, Nasen-, Ohrenklinik und Poliklinik der Universitätsmedizin Mainz erleben die Mitarbeitenden des Schwerpunkts Kommunikationsstörungen das täglich. Aber das interdisziplinäre Team aus Medizin, Audiologie, Audiologischer Akustik, Logopädie, Psychologie, Wahrnehmungstherapie sowie Pflege erlebt auch, wie viel Hoffnung entsteht, wenn die richtige Unterstützung zur richtigen Zeit kommt. 

„Sprache und Hören sind zwei ganz wichtige Bereiche, die häufig zu wenig beachtet werden“, sagt Logopädin Michaela Lütteke. „Ein gebrochenes Bein sieht man auf den ersten Blick, eine Sprachentwicklungsstörung dagegen nicht.“ Die Folgen können enorm sein: Unsicherheiten im Alltag, Schwierigkeiten in der Schule und: Sorgen um die Zukunft – bei den Kindern, aber vor allem bei den Eltern. 

Diagnostik, die Klarheit schafft
Dank des Neugeborenen-Hörscreenings werden viele Hörstörungen heute sehr früh erkannt. „Die Kinder fallen am dritten Lebenstag auf“, erklärt Sabine Lenz, Audiologische Assistentin. Doch auch bei Kindern, die aufgrund von Sprachproblemen kommen, wird das Hören immer mitgeprüft. Neben genetischen Faktoren können Sauerstoffmangel während der Geburt, Chemotherapeutika und Infektionskrankheiten wie Meningitis zu Hörschädigungen führen. Auch bei Frühgeborenen besteht ein gewisses Risiko. 

Die Audiologie schafft Klarheit und begleitet Familien oft über viele Jahre – manchmal sogar Jahrzehnte. „Wir sind leider immer erstmal diejenigen, die den Eltern sagen müssen, dass ihr Kind schwerhörig oder gehörlos ist. Aber wir sind auch die Begleiter:innen und versuchen ihnen zu zeigen: Wir haben einen Weg, wir haben einen Fahrplan. Es braucht Zeit, aber wir machen das zusammen!“ 

Therapie, die Kinder wachsen lässt
In der Logopädie beginnt dann die Arbeit rund um Sprache, Sprachverständnis und Sprechen. Viele der Kinder, die stationär aufgenommen werden, haben schwere Sprachentwicklungsstörungen: „Da geht es nicht darum, ob sie das ‚S‘ oder ‚Sch‘ richtig aussprechen können – oft können sie noch gar keinen richtigen Satz bilden oder es fehlen ihnen Wörter. Also arbeiten wir zunächst daran, den Wortschatz der Kinder aufzubauen -- so spielerisch und kindgerecht wie möglich. Wir gucken viel, wir entdecken viel. Ich frage die Kinder immer, was sie interessiert. Und eines wollte wissen, wo das Axolotl lebt. Also haben wir uns die Weltkarte angeschaut und Mexiko in Südamerika entdeckt. So lernen sie, dass es für alles einen Begriff gibt.“ 

Viele Eltern kommen mit großen Zukunftsängsten in die Klinik. Diplom-Psychologin Luise Simros sagt dazu: „Die Sorgen der Eltern sind durchaus berechtigt. Es besteht z. B. das Risiko, dass das Kind vielleicht nicht den Schulabschluss erlangt, zu dem es eigentlich in der Lage wäre. Solche weitreichenden Perspektiven besprechen wir natürlich.“ 

Die psychologische Begleitung hilft, Belastungen aufzufangen. Sie unterstützt Familien bei der Verarbeitung, berät zu Fördermöglichkeiten und stärkt Eltern und Kinder. Umso schöner sind dann die Fortschritte: „Ich hatte eine Mutter hier, die vor Erleichterung geweint hat, weil ihr Kind endlich alleine zum Bäcker gehen kann und verstanden wird,“ erzählt Michaela Lütteke. 

Teamarbeit, die wirkt – und Familien entlastet
Was alle Fachbereiche verbindet, ist ein enges Miteinander. Täglich werden Fälle gemeinsam besprochen, Beobachtungen geteilt, Therapiepläne abgestimmt. „Es ist immer eine Teamleistung“, beschreibt Luise Simros den Alltag im Schwerpunkt Kommunikationsstörungen. 

„Die schönsten Momente sind die, in denen die Kinder auf einmal aufblühen. Nicht nur sprachlich, sondern auch emotional. Wenn man sieht, dass da gerade richtig viel mit dem Selbstbewusstsein passiert und ich das ein bisschen begleiten darf,“ sagt Michaela Lütteke. Und Sabine Lenz ergänzt: „Wenn bei Kindern die Gehörlosigkeit wirklich früh entdeckt wurde, sie mit einem Cochlea-Implantat versorgt und mit sechs Jahren eingeschult werden und die Eltern dann nach Jahren sagen: ‚Hätte ich damals gewusst, dass es so gut wird…‘ – das ist einfach schön zu sehen.“ 

Über den Schwerpunkt Kommunikationsstörungen
Als Teil der Hals-, Nasen-, Ohrenklinik und Poliklinik behandelt der Schwerpunkt Kommunikationsstörungen vorrangig Kinder und Jugendliche mit Hörstörungen und Sprachentwicklungsstörungen. Dazu zählen neben der audiologischen Diagnostik und Therapie – mittels Hörtests, Hörgeräten und Cochlea-Implantaten – und der logopädischen Diagnostik und Therapie auch eine Intelligenz- und Wahrnehmungsdiagnostik sowie psychologische Beratung.


Weitere Informationen

 Website HNO-Klinik

 Videos Arbeitsalltag im Schwerpunkt Kommunikationsstörungen
 

Über die Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Die Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ist die einzige medizinische Einrichtung der Supramaximalversorgung in Rheinland-Pfalz und ein international anerkannter Wissenschaftsstandort. Sie umfasst mehr als 60 Kliniken, Institute und Abteilungen, die fächerübergreifend zusammenarbeiten und jährlich rund 403.000 Menschen stationär und ambulant versorgen. Hochspezialisierte Patientenversorgung, Forschung und Lehre bilden in der Universitätsmedizin Mainz eine untrennbare Einheit. Rund 3.700 Studierende der Medizin und Zahnmedizin sowie rund 590 Fachkräfte in den verschiedensten Gesundheitsfachberufen, kaufmännischen und technischen Berufen werden hier ausgebildet. Mit rund 9.000 Mitarbeitenden ist die Universitätsmedizin Mainz zudem einer der größten Arbeitgeber der Region und ein wichtiger Wachstums- und Innovationsmotor. Weitere Informationen im Internet unter www.unimedizin-mainz.de
[Stand: 2024]

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