Schielen und Amblyopie

Neben den Veränderungen des vorderen Augenabschnittes haben wir zusätzlich auch noch Untersuchungen zum Schielen durchgeführt. Es war zuvor bereits bekannt, dass bei Menschen, die sehr früh geboren wurden, Schielen (Strabismus) [Pettursdottir et al.] , Augenzittern (Nystagmus) und ungewöhnliche Augenbewegungen deutlich häufiger auftreten. Diese Probleme hängen nicht nur mit einer Frühgeborenen-Retinopathie zusammen [Jain et al.]. Besonders Einwärtsschielen, aber nicht Auswärtsschielen, steht im Zusammenhang mit Frühgeburtlichkeit [GPS-Artikel Schielen]. Auch in unserer Studie kam Schielen am häufigsten bei Erwachsenen vor, die wegen schwerer Frühgeborene-Retinopathie behandelt werden mussten (60%). Danach folgen Frühgeborene mit unbehandelter Retinopathie (27,1%) und solche, die in der 33.–36. Schwangerschaftswoche geboren wurden (17,4%). Zum Vergleich: Bei reifgeborenen Erwachsenen lag die Häufigkeit von Schielen nur bei 2,1%.

In genaueren Analysen zeigte sich, dass Schielen mit Frühgeburtlichkeit, ungleichen Brillenwerten zwischen beiden Augen, Weitsichtigkeit und Hornhautverkrümmung zusammenhängt. Dabei trat Einwärtsschielen deutlich häufiger auf als Auswärtsschielen [GPS-Artikel Schielen] .

Ein Problem, welches durch Schielen bedingt wird, ist die Einschränkung der beidäugigen Sehfähigkeit. Ist diese in der frühen Kindheit eingeschränkt, wenn das Gehirn noch in der Lernphase ist, geben die Augen unterschiedliche Bilder an das Gehirn ab. Dann beginnt das Gehirn, das Auge mit dem „falschen“ und unpassenden oder unscharfen Seheindruck zu unterdrücken. Dies kommt nicht nur durch Schielen vor, sondern kann auch durch große Unterschiede in der Sehstärke zwischen beiden Augen oder eine Hornhauttrübung entstehen. Ohne Behandlung bleibt das schlechtere Auge dann dauerhaft schwach. Dies bezeichnet man dann als Schwachsichtigkeit (Amblyopie). Eine Schwachsichtigkeit ist dann auch durch eine gut angepasste Brille nicht mehr verbesserbar. Je früher man die Ursache erkennt und behandelt, desto besser sind die Chancen, dass sich das schwächere Auge noch erholt. Ab einem Alter von 8-12 Jahren werden die Chancen einer Besserung immer geringer und eine Therapie danach ist meistens nicht mehr sinnvoll. Die Therapie besteht im Kindesalter aus einer Brillenanpassung sowie dem Abkleben des „besseren“ Auges oder der Anwendung von Augentropfen, um die Dominanzausbildung im Gehirn zu unterdrücken.

Wie bereits in den bisherigen Abschnitten erläutert, weisen ehemalige Frühgeborene häufiger ein Schielen sowie unterschiedlich stark sehende Augen auf, nicht nur, aber vor allem in Zusammenhang mit einer Frühgeborenen-Retinopathie. Aufgrund dessen ist es nicht verwunderlich, dass wir bei uns in der Studie eine Häufung der schwachsichtigen Fälle bei den ehemaligen Frühgeborenen mit Frühgeborenen-Retinopathie im Erwachsenenalter verzeichnen konnten [GPS-Artikel Sehschärfe und Amblyopie]. Und auch bei den Kindern häuften sich die Fälle mit Schwachsichtigkeit in Zusammenhang mit Frühgeburtlichkeit und Behandlung der Frühgeborenen-Retinopathie [GPSY-Artikel Amblyopie].

Im Alltag kann dies zu verschiedenen Einschränkungen führen. Manche dieser Einschränkungen, wie Probleme, beim Einschenken von Wasser das Glas zu treffen, oder einen Faden in eine Nadel aufzufädeln, können schwachsichtige Personen durch Gewohnheit und das Erkennen von Schattierungen ausgleichen. Es gibt aber auch andere einschränkendere Alltagsprobleme, wie Einschränkungen oder gesondert benötigte Gutachten beim Erwerb eines Führerscheins. Außerdem ist die Therapie im Kindesalter häufig mit Stigmatisierung verknüpft, da das Abkleben mit Pflastern sehr sichtbar ist.