Frühgeborenen-Retinopathie
Bevor wir auf die anatomischen Begebenheiten der ehemaligen Frühgeborenen eingehen, ist es zunächst sehr wichtig, einmal die Frühgeborenen-Retinopathie (medizinisch: Retinopathia praematurorum, ROP) zur erklären. Das ist eine bei Frühgeborenen recht bekannte und gefürchtete Erkrankung der Netzhaut, also der inneren Schicht im Auge, die das Licht aufnimmt und die Reize zur Weiterverarbeitung an das Gehirn leitet. Die Erkrankung tritt bei Frühgeborenen, also bei Babys, die deutlich vor dem errechneten Geburtstermin geboren wurden, auf. Denn: Bei der Geburt ist das Auge, insbesondere die Netzhaut, in manchen Bereichen noch nicht vollständig entwickelt. Die folgende Abbildung soll schematisch darstellen, was dann nach der zu frühen Geburt geschieht:

Bearbeitet (Hinzufügen der Gefäßverläufe bei ROP) nach: Talos, colorized by Jakov, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Normalerweise wachsen in den letzten Wochen der Schwangerschaft feine Blutgefäße in die Netzhaut, um sie mit Sauerstoff zu versorgen. Nach der Frühgeburt kommt es aufgrund von benötigter Beatmung wegen unreifer Lungen häufig zu erhöhten Sauerstoffwerten, die vorübergehend den Bedarf an neuem Gefäßwachstum verringern. Wenn die Sauerstoffbehandlung dann später beendet wird, gibt der Teil der Netzhaut, der noch nicht ausreichend durchblutet ist, überschießende Wachstumssignale ab. Diese können dazu führen, dass die Blutgefäße im Auge zu schnell, unkontrolliert oder in die falsche Richtung wachsen, ähnlich wie „wucherndes Gewebe“. Die schlechten Gefäße sind anfälliger für Blutungen und Lecks, was die Netzhaut beschädigen, und im schlimmsten Fall sogar dazu führen kann, dass sie sich ablöst. Das kann zu schwerer Sehbehinderung bis zur Erblindung führen.
Eine Möglichkeit der Therapie ist die absichtliche Zerstörung der Netzhaut an den unterversorgten Arealen, die sich meist weit außerhalb vom Punkt des schärfsten Sehens befinden. Dies verringert den überschießenden Wachstumsreiz für die Gefäße. Es existieren verschiedene Methoden für diese Behandlung:
| Vereisungsmethode | |
| Lasermethode | |
| Spritzentherapie mit Medikamenten |
Die Vereisungsmethode wurde in der Vergangenheit angewandt und wurde heute größtenteils durch die Lasertherapie abgelöst, da diese bessere Erfolge brachte und weniger umliegendes Gewebe verletzt. Seit Beginn der 2010er Jahre existiert auch eine Behandlung mit Medikamenten, die mithilfe von Spritzen ins Auge eingegeben werden können und die Ausschüttung von Wachstumsfaktoren hemmen. Die Behandlungsmethoden haben sich also über die letzten Jahrzehnte stark verändert. Die verschiedenen Auswirkungen dieser Behandlungen sind daher von großer Bedeutung für die weitere Entwicklung bis ins Erwachsenenalter, welche wir mit der Gutenberg Prematurity Study untersucht haben. Neben der Frühgeborenen-Retinopathie und ihrer Behandlung gibt es jedoch noch zahlreiche weitere Auswirkungen von zu früher Geburt oder zu leichtem Geburtsgewicht und deren Umständen auf die Augen. Mit der Gutenberg Prematurity Study hatten wir die Möglichkeit, auch diese Auswirkungen bis ins spätere Erwachsenenalter beobachten zu können. Auf den folgenden Seiten möchten wir versuchen, diese Veränderungen und ihre Bedeutungen näher zu erläutern.