Veränderungen des Sehnervs

Nach der Verarbeitung der Reize in der Netzhaut werden die Informationen über die Ganglienzellen (hier im Bild gelb markiert) und ihre Fortsätze, die Nervenfasern, weitergeleitet.

Die Sehnervenfasern laufen anschließend vom Punkt des schärfsten Sehens (M) und der gesamten Netzhaut zusammen zum Sehnervenaustrittspunkt (O), wo sie sich bündeln, als Sehnerv aus dem Auge austreten und die Informationen weiter ans Gehirn leiten. Diese Bündelung ist schematisch im Bild unten dargestellt.

Linkes Bild (gespiegelt und Beschriftung angepasst): Maria Sieglinda von Nudeldorf, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Es gibt verschiedene Arten, die Sehnervenfasern sowie den Sehnerv zu beurteilen. Eine Methode ist die Messung der Dicke der Nervenfaserschicht rund um den Sehnerv. Die folgende Abbildung soll diese Messungen einmal darstellen:

Diese Übersicht zeigt eine Messung der Nervenfaserschichtdicke rund um den Sehnerv. Oben links erkennt man ein Übersichtsbild, welches die Ringmessung rund um den Sehnerv zeigt. Oben rechts erkennt man den Querschnitt der Netzhaut in dieser Ringmessung mit der Vermessung der Nervenfaserschicht zwischen der blauen und roten Linie. In den unteren beiden Bildern sieht man die Beurteilung des Programms, ob die Sehnervenschichtdicke im Normalbereich liegt. Das rechte untere Bild überträgt die Schichtdicke aus dem rechten oberen Bild und teilt sie an den einzelnen Stellen in Normbefund (grün), grenzwertige Nervenfaserschichtdicke (gelb) und zu geringe Nervenfaserschichtdicke (rot) ein. In diesem Fall ist die Sehnervenschichtdicke an allen Stellen im Normalbereich. Wäre sie irgendwo zu dünn, würde sie in den gelben oder roten Bereich fallen. Das linke untere Bild überträgt diese Farbgebung dann auf den Ringbereich um den Sehnerv, sodass erkennbar ist, an welcher Stelle um den Sehnerv die Schichtdicke zu gering ist. Dies kann auf Schädigungen zum Beispiel in Bereichen, die sich zur Nase (N) oder dem Ohr (T) hin befinden, hindeuten, die man dann gesondert anschauen kann. 

In unserer Studie zeigte sich so, dass die gesamte Nervenfaserschicht rund um den Sehnerv bei Frühgeborenen verringert ist, auch unabhängig vom Auftreten einer Frühgeborenen-Retinopathie [GPS-Artikel Peripapillary Retinal Nerve Fibre Layer]. Außerdem stellten wir fest, dass dies auch bei Erwachsenen, die zwar termingerecht, jedoch sehr leicht geboren wurden, der Fall war [GPS-Artikel Nervenfaserschicht bei SGA]. Wir fanden zudem heraus, dass die Nervenfaserschichtdicke bei Erwachsenen mit behandelter Frühgeborenen-Retinopathie schläfenseitig dicker als bei termingeborenen Erwachsenen war.

Den Sehnervenaustritt aus dem Auge kann man sich etwas trichterförmig vorstellen. Sieht man den Sehnervenkopf im OCT, so sieht das wie folgt aus:

Links im Video ist der Sehnervenkopf beim Blick von vorne abgebildet, rechts im mittleren Querschnitt erkennt man den trichterförmigen Sehnervenaustritt aus dem Auge. 

Die Diagnostik mittels der okulären Kohärenztomografie (OCT) ist jedoch eine verhältnismäßig recht neue und auch relativ teure Möglichkeit, die Sehnervenfaserschicht zu beurteilen. 

Es gibt jedoch noch eine weitere Methode, mit der Augenärzte sich ein Bild über die Sehnervenschichtdicke machen können, die innerhalb einer regulären Untersuchung beim Augenarzt erfolgen kann: Die Messung des Verhältnisses der zentralen Vertiefung (Cup) des trichterförmigen Sehnervkopfes und dem gesamten Durchmesser (Disc) der des Sehnervkopfes, die sogenannte Cup-to-disc-ratio. Die folgenden Abbildungen zeigen links ein gesundes Auge mit einem normalen Verhältnis der Vertiefung zum Sehnervenkopf, während die rechte Abbildung ein vergrößertes Verhältnis zeigt:

Eine Vergrößerung dieses Wertes wie auf dem rechten Bild kann, muss aber nicht zwangsweise, auf Schädigungen des Sehnervs hinweisen. Bei Glaukomerkrankungen, auch besser bekannt als „Grüner Star“, ist dieses Verhältnis häufiger erhöht. Dies liegt unter anderem an einer Verringerung der Sehnervenfaserschicht aufgrund eines erhöhten Augeninnendrucks.

Die Cup-to-Disc-Ratio in der Gutenberg Prematurity Study

Passend zu den bereits angesprochenen Ergebnissen der Nervenfaserschichtdicke im OCT in unserer Studie zeigte sich das Verhältnis der zentralen Sehnervvertiefung und der Sehnervgröße bei ehemals extrem Frühgeborenen (also Erwachsenen, die vor 29 abgeschlossenen Schwangerschaftswochen geboren wurden), vergrößert [GPS-Artikel zur Cup-to-Disc-Ratio]. Eine größere Vertiefung bei gleichbleibender Sehnervengröße weist ebenfalls auf eine Verringerung der Nervenfaserschicht hin. Dies war auch bei Erwachsenen mit einer Frühgeborenen-Retinopathie der Fall. Allerdings fiel auf, dass Erwachsene mit einer behandelten Frühgeborenen-Retinopathie eine Verringerung dieses Wertes aufwiesen. Außerdem hatten diese Teilnehmer öfter einen stärker verdrehten Sehnerv. Wir vermuten bisher, dass dies an Verziehungen liegen kann, die aufgrund der Vernarbung nach der Behandlung entstehen. Weiterhin zeigten unsere Ergebnisse, dass auch Personen mit einem geringen Geburtsgewicht bei termingerechter Geburt eine Verringerung der Sehnervenfaserschichtdicke aufwiesen [GPS-Artikel zu geringem Geburtsgewicht und Cup-to-Disc-Ratio].

Eine Verringerung der Sehnervenfasern kann das Risiko für Sehverschlechterung erhöhen, muss jedoch nicht unbedingt krankhaft sein. Insgesamt ist es jedoch wichtig, Personen mit geringerer Nervenfaserschicht engmaschiger zu kontrollieren, um Sehverschlechterungen zeitnah erkennen zu können. Deshalb sind unsere Studienergebnisse, ebenso wie die geplante  Nachuntersuchung von extrem großer Relevanz. Sollte sich herausstellen, dass die verringerte Nervenfaserschicht bei ehemals Frühgeborenen im Verlauf des Lebens häufiger oder schneller zu Sehbeeinträchtigungen führt, oder sich noch mehr oder schneller verringert, so kann man mit diesen Personen in Zukunft ein frühes Screening durchführen oder sie regelmäßiger untersuchen. Dies kann helfen, altersbedingte Sehnervenerkrankungen wie den Grünen Star möglichst früh zu erkennen und gegebenenfalls einem Fortschreiten entgegenwirken zu können.

Exkurs Glaukom/Grüner Star

Das Glaukom oder der „Grüne Star“ ist eine Erkrankung, bei der der Sehnerv geschädigt wird. Häufigste Ursache ist ein erhöhter Augeninnendruck, weil das Augenwasser nicht richtig abfließen kann. Am weitesten verbreitet ist das offene Glaukom, das sich schleichend entwickelt, meist ohne Beschwerden, bis ein Gesichtsfeldausfall bemerkt wird. Deutlich seltener, aber gefährlicher ist das Winkelblock-Glaukom, bei dem die Vorderkammer zu eng ist und der Abfluss plötzlich blockiert wird (Siehe Bildreihe unten, rechte Seite). Dann steigt der Druck rasant, drückt auf den Sehnerv und es kommt zu Schmerzen, Sehverlust und anderen akuten Symptomen. Ein Winkelblock tritt vor allem bei Menschen mit anatomisch kleiner Vorderkammer auf, was möglicherweise auch ehemalige Frühgeborene betreffen kann. Wichtiger Befundparameter ist dabei das Verhältnis der zentralen Vertiefung (Cup) innerhalb des Sehnervenkopfes (Disc). Bei Vergrößerung kann es einen frühen Hinweis auf Sehnervenschädigung geben. Behandelt wird ein Glaukom durch drucksenkende Medikamente, Laserverfahren oder eine Operation, um den Abfluss des Augenwassers zu verbessern und den Sehnerv zu schützen. Da ein Glaukom lange unbemerkt bleiben kann, sind regelmäßige augenärztliche Kontrollen entscheidend, vor allem im höheren Lebensalter oder bei Risikofaktoren. Deshalb ist es von großer Relevanz für uns, die ehemaligen Frühgeborenen mit Risikofaktoren nachzuuntersuchen, um herauszufinden, ob und inwiefern die veränderte Augenanatomie zu einer Erhöhung der Glaukomentwicklung beiträgt.