Visual Universitätsmedizin Mainz
Prof. Dr. Prüll
Prof. Dr. Livia Prüll
Funktionen: W 2 Professur für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin

+49 (0) 6131 17 9539
+49 (0) 6131 17 9479
pruell@uni-mainz.de
Weitere Informationen

Arbeitsprojekte

Prof. Dr. Livia Prüll, MA

 

Patienten, Öffentlichkeit und die Medizin in Westdeutschland, 1945 bis 1970. (DFG-Projekt) 

Das Projekt untersucht die gesellschaftliche Verankerung der naturwissenschaftlichen Medizin in Westdeutschland zwischen 1945 und 1970 auf drei wichtigen Ebenen. Erstens geht es um die Präsentation und Diskussion der Medizin in der medialen Öffentlichkeit; zweitens um die Präsentation der Medizin gegenüber den Patienten und drittens um die Auseinandersetzung der Medizin mit ihrer Tradition und mit der neuen Demokratie. Die Untersuchung basiert dementsprechend auf drei Fallstudien, die sich alle um „Aushandlungsprozesse“ drehen: Ein erstes Teilprojekt untersucht die Präsentation der Medizin in den Journalen „Der Spiegel“ und „Der Stern“ als zwei der wichtigsten Nachkriegsprintmedien. Ein zweites Teilprojekt erarbeitet vor diesem Hintergrund das Arzt-Patient-Verhältnis und die Aushandlung von medizinischen Maßnahmen am Beispiel des „Deutschen Diabetikerbundes“ als einer der ersten Patientenselbsthilfegruppen, um die Medienanalyse des ersten Teilprojektes mit dem Arzt-Patient-Dialog über Diabetes als einer zeitgenössischen „Gesellschaftskrankheit“ zu korrelieren. Im dritten Teilprojekt geht es um den Umgang der Behandler mit demokratischen Spielregeln in der Patientenbehandlung und der Bewältigung undemokratischer Traditionsstränge, wenn der Umgang der Ärzte mit den Soldaten als Patienten bei der Bundeswehr untersucht wird.

Mit diesen aufeinander bezogenen Analysen zur „Aushandlung“ der westdeutschen Medizin lassen sich wichtige Problembereiche der Etablierung der Medizin in Westdeutschland erarbeiten. Dieses kulturhistorische Projekt behandelt damit auch ein Desiderat der Forschung und leistet seinen Beitrag zu einer Standortbestimmung der heutigen Medizin vor dem Hintergrund rezenter Debatten über die Ausrichtung der Gesundheitsversorgung in Deutschland.

Ergänzend zu den oben beschriebenen Initiativen soll der Arbeitszeitraum in Folgeprojekten bis in den Beginn des 21. Jahrhunderts ausgeweitet werden. Ein wichtiges Thema ist hier unter anderen die Geschichte der Intensivmedizin, deren Binnenentwicklung und deren Rezeption in der Öffentlichkeit mittels verschiedener Projekte untersucht wird. Dabei wird auch der regionale Kontext berücksichtigt, in dem ein Mainzer Pionier der Intensiv- und Rettungsmedizin, Rudolf Frey (1917-1981), und seine wissenschaftliche und Öffentlichkeitsarbeit für das Fach in einer besonderen Studie bearbeitet werden.

 

Militär und Medizin 1914-1945

 

Arbeiten zur Militärmedizin des 20. Jahrhunderts bauen auf einem abgeschlossenen DFG-Projekt auf, mit dem Forschungen zur Behandlung der Soldaten des kaiserlichen Heeres und der deutschen Wehrmacht sowie auch solche zur Mentalität der Militärärzte im Zeitalter der Weltkriege intensiviert wurden. Unter dem Titel „Krieg und medikale Kultur. Patientenschicksale und ärztliches Handeln im Zeitalter der Weltkriege (1914-1945)“ fokussierte das Projekt zwei Gebiete: Erstens die Umsetzung von zeitgenössischen gängigen medizinischen Theorien oder Behandlungsschemata in der medizinischen Praxis, zweitens den Einfluss von ideologischen und militärischen Denkmustern auf den medizinischen Bereich und auf die Behandlung und den Umgang mit den Soldaten. Als Fallstudien zur Bearbeitung dieser zwei Aspekte wurden einerseits die seelischen Krankheiten bzw. die Psychiatrie und andererseits die körperlichen Überlastungs- und Erschöpfungskrankheiten ausgesucht und mithilfe bisher vernachlässigter Quellenbestände einer Analyse unterzogen.

Die Auswertung signifikanter Bestände der Krankenakten des Ersten Weltkrieges als auch der Leichenöffnungsberichte des Zweiten Weltkrieges (beide Bundesarchiv- Militärarchiv Freiburg) und zusätzliche Forschungen zur Zwischenkriegszeit ergaben in der Zusammenschau eine klare „Radikalisierung“ der Soldatenbehandlung zwischen 1914 und 1945. Für den Ersten Weltkrieg konnte im Gegensatz zur bisherigen Forschung für die Bereiche sowohl der Psychiatrie als auch der Übermüdungs- und Erschöpfungskrankheiten ein disparater Zugang von Fachärzten einerseits und Truppenärzten andererseits ausgemacht werden. Während die Fachärzte im Propagieren kriegspsychiatrischer Zwangstherapien bzw. in der Verharmlosung von Herz-Kreislaufkrankheiten in erster Linie im Sinne der deutschnationalen Kriegszielpolitik agierten, orientierten sich die Truppenärzte unter Anwendung einfacher roborierender Maßnahmen am Patienten und zollten der Idee des Krieges als Hauptkrankheitsverursacher Tribut. Trotz der gewaltigen ideologischen Aufladung des Ersten Weltkrieges als einem Krieg der Kulturen war damit deutschnationales und rassenhygienisches Denken für die Basis nicht unbedingt handlungsleitend und es hielt sich jenseits korporativer Zwänge ein Entscheidungsspielraum für ärztliche Maßnahmen, die nicht am Volkswohl sondern am Individualwohl des Einzelnen ausgerichtet waren. Nach 1918 wurde der Krieg ärztlicherseits glorifiziert und lediglich die fehlende Effektivität der Medizin bemängelt. Daraus zog man die entsprechenden Konsequenzen. Die nationalsozialistische Ideologie spielte den Ärzten in die Hände, indem jetzt nicht nur die Ärzteschaft bis hinab zum Truppenarzt ideologisiert wurde, sondern auch die Patientenbehandlung der Idee der Ausnutzung auch der letzten Ressourcen untergeordnet wurde. Diesem Bild entsprach der Blickwinkel des Patienten, der ebenfalls hochideologisiert war und die Idee der rassenhygienischen Auslese nicht nur auf fremde Völker sondern auch auf sich selbst bezog. Insgesamt sah die deutsche Militärmedizin im Zweiten Weltkrieg ihr Ziel in einer Aufrechterhaltung der basalen Funktionsfähigkeit des Kämpfers, nicht aber in dessen effektiver gesundheitlicher Restitution.

Letztlich ist das Projekt mit seinen Ergebnissen anschlussfähig an rezente Arbeiten zur Geschichte (der Medizin) zwischen 1914 und 1945 und zu laufenden Arbeiten über die Geschichte West- und Ostdeutschlands nach 1945, da die vorgelegten Ergebnisse den Ausgangspunkt dieser Arbeiten mit markieren. Ferner fördert das Projekt weitere Studien zur Patientengeschichte und Arbeiten zur Medizingeschichte des 20. Jahrhunderts. Nicht zuletzt aufgrund der aktuellen Probleme im Rahmen der Afghanistan- und Irakkriege stieß es bei den Medien, insbesondere bei Museen sowie Radio und Fernsehen, auf großes Interesse.

Die Projektergebnisse wurden dieses Jahr von Livia Prüll und Philipp Rauh in dem Band „Krieg und medikale Kultur. Patientenschicksale und ärztliches Handeln in der Zeit der Weltkriege 1914-1945“ veröffentlicht. Damit schließen die zur Zeit in Mainz betriebenen Forschungen an die zur Zeit in Konjunktur stehenden Forschungen speziell zur Geschichte des Ersten Weltkrieges an.