Chronische Schmerzen verstehen: Von der Entstehung bis zum Schmerzgedächtnis
Das Wichtigste auf einen Blick
- Biopsychosoziale Ursachen: Chronische Schmerzen entstehen durch das Zusammenwirken von Körper, Psyche und Umfeld sowie einem „Schmerzgedächtnis“ im Nervensystem.
- Reale Symptomatik: Die Beschwerden sind real und keine Einbildung. Sie führen häufig zu einem Teufelskreis aus Erschöpfung, Schlafstörungen und sozialem Rückzug.
- Integrative Lösung: Ein verzahnter Behandlungsansatz ist notwendig, um individuelle Verstärkungskreisläufe frühzeitig zu erkennen und gezielt zu unterbrechen
Wie entstehen chronische Schmerzen? – Das biopsychosoziale Modell
Chronischer Schmerz ist selten die Folge eines einzelnen Auslösers. In den meisten Fällen entsteht und besteht er durch das Zusammenwirken mehrerer Ebenen, die sich gegenseitig beeinflussen und verstärken.
Dazu gehören:
- Körperliche Faktoren: etwa frühere Verletzungen, Entzündungen oder Überlastungen
- Faktoren des Nervensystems: insbesondere eine veränderte Schmerzverarbeitung oder eine sogenannte zentrale Sensitivierung
- Psychische Faktoren: zum Beispiel anhaltender Stress, Angst, unverarbeitete Belastungen oder ein Gefühl von Kontrollverlust
- Soziale Faktoren: etwa Leistungsdruck, Rollenanforderungen oder fehlende Entlastung im Alltag
Diese Ebenen wirken nicht unabhängig voneinander. Vielmehr können sie sich gegenseitig verstärken, sodass sich Schmerzen verselbstständigen. In solchen Fällen bestehen die Beschwerden fort, auch wenn der ursprüngliche körperliche Auslöser längst abgeheilt ist.
Ein leitendes Prinzip unseres Ansatzes lässt sich mit einem bekannten Satz von Ludolf Krehl zusammenfassen:
„Wir behandeln keine Krankheiten, sondern kranke Menschen.“
Übertragen auf die Schmerzmedizin bedeutet dies: Wir möchten verstehen, wie der Schmerz bei der einzelnen Person entsteht, erlebt und aufrechterhalten wird – also wie er sich in das Leben, den Körper, das Erleben und den Alltag „einschreibt“. Erst auf dieser Grundlage lässt sich gezielt und umfassend ansetzen, um das individuelle Leiden zu lindern und neue Handlungsspielräume zu eröffnen.
Das biopsychosoziale Modell bildet hierfür den konzeptionellen Rahmen und die Grundlage unserer diagnostischen und therapeutischen Entscheidungen.
Psychosoziale Folgen chronischer Schmerzen
Lang anhaltende Schmerzen betreffen nicht nur den Körper, sondern wirken sich häufig tiefgreifend auf das gesamte Leben aus. Neben den körperlichen Beschwerden entwickeln sich bei vielen Betroffenen zusätzliche psychosoziale Belastungen.
Häufige Folgen sind:
- Erschöpfung und Schlafstörungen, die die Regeneration weiter beeinträchtigen
- Rückzug aus Alltag, Beruf oder Sport, oft aus Angst vor Verschlechterung
- Unsicherheit und Angst vor Bewegung oder Belastung, mit zunehmender Vermeidung
- Spannungen in Partnerschaft, Familie oder sozialen Beziehungen
- existenzielle Belastungen, etwa finanzielle Sorgen, Bedrohung der beruflichen Rolle oder Identitätskrisen durch anhaltende Einschränkungen
Diese Folgen können sich gegenseitig verstärken und dazu beitragen, dass sich Schmerzen weiter verfestigen. Ein zentrales Ziel unseres Ansatzes ist es daher, solche Aufrechterhaltungs- und Verstärkungskreisläufe frühzeitig zu erkennen, einzuordnen und gezielt zu unterbrechen – gemeinsam mit den Betroffenen und angepasst an ihre individuelle Lebenssituation.
Häufige Fragen (FAQ)
Nein. Chronische Schmerzen entstehen durch komplexe Wechselwirkungen zwischen Körper, Nervensystem, Psyche und Lebenskontext. Psychische Faktoren können Schmerzen beeinflussen oder verstärken, sie sind jedoch nicht gleichzusetzen mit „eingebildeten“ Beschwerden.
Bei manchen Menschen verändert sich die Schmerzverarbeitung im Nervensystem. Der Schmerz kann sich verselbstständigen und unabhängig vom ursprünglichen Auslöser fortbestehen. In diesem Zusammenhang spricht man auch vom Schmerzgedächtnis. Genau diese Mechanismen stehen im Fokus unserer Diagnostik.
Ein einfaches „Löschen“ des Schmerzgedächtnisses auf Knopfdruck ist nicht möglich, da es auf nachvollziehbaren Veränderungen der Schmerzverarbeitung im Nervensystem basiert, die sich verselbstständigt haben. Das Ziel moderner Schmerzmedizin ist es jedoch, diese Aufrechterhaltungs- und Verstärkungskreisläufe gezielt zu unterbrechen und den Schmerzverlauf umfassend zu stabilisieren.
Durch die Verzahnung von spezialisierter Psychotherapie (z. B. Pain Reprocessing Therapy oder EMDR) mit funktionellen Verfahren wie Biofeedback, Neuroathletik oder Virtual-Reality-gestütztem Training können diese Prozesse positiv beeinflusst werden. Es geht dabei weniger um ein „Löschen“ als vielmehr darum, die individuelle Schmerzproblematik fundiert zu verstehen und neue Handlungsspielräume zu eröffnen.
Autor: Univ.-Prof. Dr. Jonas Tesarz
Zuletzt aktualisiert: 01. Februar 2026