Schwerpunkt Depersonalisation und Derealisation (DP/DR)

Betroffene leiden unter der Wahrnehmung, als seien sie „nicht richtig hier“, oder als ob sie wie „neben sich stehen“. Sie kommen sich selbst unwirklich und verloren vor. Sie erleben ihre Umwelt unwirklich, fremd, künstlich oder als ob sie wie durch einen Schleier sehen. Betroffene sind häufig von der Furcht beherrscht, „verrückt“ zu werden oder die Kontrolle über sich zu verlieren. Viele erfahren Unverständnis von ihrer Umgebung – teils selbst von ÄrztInnen – und vermeiden, über ihr Erleben zu sprechen.

Wie erleben Betroffene Depersonalisation / Derealisation?

Ganz häufig finden sich Patienten in folgenden Beschreibungen wieder:

„Ich erlebe mich wie abgetrennt von meiner Umgebung oder diese erscheint mir unwirklich, so als ob ein Schleier zwischen mir und der äußeren Welt wäre.“

„Aus heiterem Himmel fühle ich mich fremd, als ob ich nicht wirklich wäre oder als ob ich von der Welt abgeschnitten wäre.“

„Es kommt mir vor, als ob ich mich außerhalb meines Körpers befinde.“

„Ich komme mir wie abgetrennt von Erinnerungen an Ereignisse meines Lebens vor, so als ob ich nicht daran beteiligt gewesen wäre.“

„Vertraute Stimmen (einschließlich meiner eigenen) klingen entfernt oder unwirklich.“

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Symptome: Betroffene erleben sich selbst oder ihre Umwelt als unwirklich, fremd oder wie „durch einen Schleier“ wahrgenommen.
  • Häufigkeit: Kurzdauernde und flüchtige DPDR Symptome erleben die meisten Menschen mindestens einmal in ihrem Leben. Langanhaltende und dauerhafte (> 50% des Tages) DPDR ist seltener. Meist leiden die Betroffenen dann unter einer Depersonalisations-Derealisationsstörung (ICD-10: F48.1). In der Allgemeinbevölkerung leiden etwa 1% unter einer Depersonalisations-Derealisationsstörung (DDS).
  • Ursachen: Die DDS resultiert meist aus dem Zusammenspiel von genetischer Veranlagung (Vulnerabilität) und frühen belastenden Lebenserfahrungen (Bindungstraumata). Typische Auslöser – nicht Ursachen – sind Konsum von Cannabis, Psychedelika und kritische Lebensphasen (Erfolge, Eingehen einer Partnerschaft, Krankheiten, neue Lebensphasen).
  • Expertise: Die Unimedizin Mainz ist international federführend in der Forschung und bietet spezialisierte Hilfe.

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Mehr zu unserer Sprechstunde Depersonalisation

„Zustand, in dem das Individuum sich im Vergleich mit seinem früheren Zustand durchgehend verändert fühlt. Diese Veränderung erstreckt sich sowohl auf das Ich als auch auf die Außenwelt und führt dazu, dass das Individuum sich als Persönlichkeit nicht anerkennt. Seine Handlungen erscheinen ihm automatisch. Er beobachtet als Zuschauer sein Handeln und Tun. Die Außenwelt erscheint fremd und neu und hat ihren Realitätscharakter verloren.“

Paul Schilder (1914) Selbstbewusstsein und Persönlichkeitsbewusstsein

Kurz erklärt: Was ist Depersonalisation (DP) und Derealisation (DR)?

Normal oder krank?!

Depersonalisation, manchmal auch „Depersonalisierung“, und Derealisation zählen, wie auch Angst und Depression, zu den normalen menschlichen Reaktionsmöglichkeiten.

  • Die meisten Menschen erleben im Lauf ihres Lebens mindestens einmal leichte kurzdauernde Depersonalisation oder Derealisation. Dies hat in der Regel keinen Krankheitswert. Ursachen sind meist Übermüdung, Stress und Drogenkonsum.
  • Depersonalisation und Derealisation können auch Begleiterscheinungen / Symptome anderer psychischer oder körperlicher Erkrankungen sein – etwa bei Schwindel, Migräne oder neurologischen Erkrankungen.
  • 1% der Allgemeinbevölkerung leiden unter klinisch relevanter Depersonalisation/Derealisation. Die Betroffenen erfüllen meist die Kriterien des Krankheitsbildes „Depersonalisations-Derealisationssyndrom“ bzw. der „Depersonalisations-Derealisationsstörung“.

Die medizinische Definition: Depersonalisations-, Derealisationsstörung ICD-10: F48.1 (H2)

A. Entweder 1 oder 2:

1. Depersonalisation: Die Betroffenen klagen über ein Gefühl von entfernt sein, von «nicht richtig hier» sein. Sie klagen z.B., darüber, dass ihre Empfindungen, Gefühle und ihr inneres Selbstgefühl losgelöst seien, fremd, nicht ihr eigen, unangenehm verloren oder dass ihre Gefühle und Bewegungen zu jemand anderen zu gehören scheinen, oder sie haben das Gefühl in einem Schauspiel mitzuspielen.

2. Derealisation: Die Betroffenen klagen über ein Gefühl von Unwirklichkeit. Sie klagen z.B. darüber, dass die Umgebung oder bestimmte Objekte fremd aussehen, verzerrt, stumpf, farblos, leblos, eintönig und uninteressant sind, oder sie empfinden die Umgebung wie eine Bühne, auf der jedermann spielt.

B. Die Einsicht, dass die Veränderungen nicht von außen durch andere Personen oder Kräfte eingegeben wurde, bleibt erhalten.

Anmerkung: Die Diagnose wird nicht gestellt, wenn die Symptome auf eine körperliche Erkrankung zurückgehen, direkte und nur kurz anhaltende Nebenwirkung einer Substanz (z.B. THC) sind, oder eine Begleiterscheinung einer anderen psychischen Störung (z.B. einer Panikattacke). Patienten mit einer DDS befinden sich für viele Monate mehr als die Hälfte des Tages in einem DP/DR Zustand.

Der lange Weg bis zur Diagnose

Es handelt sich beim Depersonalisations-Derealisationssyndrom (DDS) bzw. der Depersonalisations-Derealisationsstörung (DDS) um eine relativ häufige seelische Erkrankung, die jedoch nur selten diagnostiziert wird.

Oft beginnt die Depersonalisations-Derealisationsstörung nach einem Angstanfall, einer körperlichen Erkrankung oder der Einnahme von Drogen wie z.B. Cannabis. Nicht selten können die überwiegend jungen Betroffenen aber auch zunächst keinen Auslöser benennen.

Bis Patienten mit einer DDS eine adäquate Behandlung erhalten vergehen oft etliche Jahre, in denen die Patienten zahlreiche Ärzte aufsuchen, um Hilfe für ihr befremdliches Erleben zu erhalten. Menschen, die Depersonalisation-Derealisation erleben sind dadurch oft erheblich verunsichert und belastet und äußern deshalb sehr häufig den Wunsch nach einer ausführlichen Aufklärung über dieses Syndrom.

Unser Behandlungsangebot

In der Spezialsprechstunde für Depersonalisation erfolgt eine umfassende Diagnostik mit testpsychologischen Untersuchungen, individueller Beratung sowie der gemeinsamen Erarbeitung geeigneter Therapieoptionen. Bei starker Beeinträchtigung kann eine voll- oder teilstationäre psychosomatisch-psychotherapeutische Behandlung sinnvoll sein, insbesondere wenn ambulante Maßnahmen nicht ausreichen oder nicht verfügbar sind.

Voraussetzung für eine Aufnahme ist in der Regel ein Vorgespräch. In Ausnahmefällen können wir auf das Vorgespräch verzichten, wenn uns aussagekräftige Unterlagen des behandelnden Psychotherapeuten (worin die Indikation für eine vollstationäre Krankenhausbehandlung gestellt wird) sowie ein kurzes Motivationsschreiben zur Verfügung gestellt werden.

Forschung und Publikationen unserer Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Mainz

Unsere Klinik und die angeschlossene Arbeitsgruppe gehören international zu den führenden Forschungszentren im Bereich der Depersonalisations-Derealisation-Störung (DDS). Unter der Leitung von Prof. Dr. med. Matthias Michal treiben wir seit über zwei Jahrzehnten die wissenschaftliche Aufklärung, Diagnostik und Therapieentwicklung voran. Unsere Arbeit bildet das Fundament für moderne Behandlungsstandards und sichert Patienten eine Therapie auf dem neuesten Stand der klinischen Forschung.

Forschungsprojekte zur Depersonalisation

  1. Epidemiologische Forschung und Versorgungsforschung
  2. Entwicklung und Erprobung neuer psychotherapeutischer Behandlungsmethoden und deren wissenschaftlicher Evaluation.
  3. Neurobiologische Grundlagen der Depersonalisationsstörung

Publikationen unserer Arbeitsgruppe und Downloads

Psychedelic-Associated Depersonalization-Derealization Disorder Michal, M. (2025). Current topics in behavioral neurosciences, 10.1007/7854_2025_599. Advance online publication. doi.org/10.1007/7854_2025_599

Impact of depersonalization on the course of depression: longitudinal observations from the gutenberg health studyMichal, M., Wiltink, J., Tibubos, A. N., Wild, P. S., Münzel, T., Lackner, K., Pfeiffer, N., König, J., Gieswinkel, A., Beutel, M., & Kerahrodi, J. G. (2024). BMC psychiatry24(1), 196. https://doi.org/10.1186/s12888-024-05658-7

Detached and distracted: ERP correlates of altered attentional function in depersonalisationSchabinger, N., Gillmeister, H., Berti, S., Michal, M., Beutel, M. E., & Adler, J. (2018). Biological psychology134, 64–71. https://doi.org/10.1016/j.biopsycho.2018.02.014

Association of Neglect-Like Symptoms with Anxiety, Somatization, and Depersonalization in Complex Regional Pain SyndromeMichal, M., Adler, J., Reiner, I., Wermke, A., Ackermann, T., Schlereth, T., & Birklein, F. (2017). Pain medicine (Malden, Mass.)18(4), 764–772. doi.org/10.1093/pm/pnw214

A case series of 223 patients with depersonalization-derealization syndrome. Michal M, Adler J, Wiltink J, Reiner I, Tschan R, Wölfling K, Weimert S, Tuin I, Subic-Wrana C, Beutel ME, Zwerenz R. BMC Psychiatry. 2016 Jun 27;16(1):203. doi: 10.1186/s12888-016-0908-4.

Is that me in the mirror? Depersonalisation modulates tactile mirroring mechanisms. Adler J, Schabinger N, Michal M, Beutel ME, Gillmeister H. Neuropsychologia. 2016 Mar 9;85:148-158.

Altered patterns of heartbeat-evoked potentials in depersonalization/derealization disorder: neurophysiological evidence for impaired cortical representation of bodily signals. Schulz A, Köster S, Beutel ME, Schächinger H, Vögele C, Rost S, Rauh M, Michal M. Psychosom Med. 2015 Jun;77(5):506-16.

Prevalence and correlates of depersonalization in students aged 12-18 years in Germany. Michal M, Duven E, Giralt S, Dreier M, Müller KW, Adler J, Beutel ME, Wölfling K. Soc Psychiatry Psychiatr Epidemiol. 2015 Jun;50(6):995-1003.

Depersonalisation und Derealisation: Die Entfremdung überwinden. Michal, M. (2015, 2. Auflage). Kohlhammer: Stuttgart.

Altered orientation of spatial attention in depersonalization disorder. Adler J, Beutel ME, Knebel A, Berti S, Unterrainer J, Michal M. Psychiatry Res. 2014 May 15;216(2):230-5. doi: 10.1016/j.psychres.2014.02.021.

Depersonalization Disorder: Disconnection of Cognitive Evaluation from Autonomic Responses to Emotional Stimuli. Michal M, Koechel A, Canterino M, Adler J, Reiner I, Vossel G, Beutel ME, Gamer M (2013) PLoS ONE 8(9): e74331. doi:10.1371/journal.pone.0074331

Depersonalization experiences are strongly associated with dizziness and vertigo symptoms leading to increased health care consumption in the German general population. Tschan R, Wiltink J, Adler J, Beutel ME, Michal M. J Nerv Ment Dis. 2013 Jul;201(7):629-35.

Das Depersonalisations-Derealisationssyndrom. Michal, M. (2013). PSYCH up2date 7, 33-48.

Depersonalisation und Derealisation: Die Entfremdung überwinden. Michal, M. (2012). Kohlhammer: Stuttgart.

Distinctiveness and overlap of depersonalization with anxiety and depression in a community sample: results from the Gutenberg Heart Study. Michal M, Wiltink J, Till Y, Wild PS, Blettner M, Beutel ME. Psychiatry Res. 2011 Jul 30;188(2):264-8.

Base rates for depersonalization according to the 2-item version of the Cambridge Depersonalization Scale (CDS-2) and its associations with depression/anxiety in the general population. Michal M, Glaesmer H, Zwerenz R, Knebel A, Wiltink J, Brähler E, Beutel ME. J Affect Disord. 2011 Jan;128(1-2):106-11.

[How often is the Depersonalization-Derealization Disorder (ICD-10: F48.1) diagnosed in the outpatient health-care service?]. Michal M, Beutel ME, Grobe TG. Z Psychosom Med Psychother. 2010;56(1):74-83.

Type-D personality and depersonalization are associated with suicidal ideation in the German general population aged 35-74: results from the Gutenberg Heart Study. Michal M, Wiltink J, Till Y, Wild PS, Münzel T, Blankenberg S, Beutel ME. J Affect Disord. 2010 Sep;125(1-3):227-33.

[Depersonalization-derealization in the psychosomatic outpatient and consultation-liaison service]. Michal M, Wiltink J, Zwerenz R, Knebel A, Schäfer A, Nehring C, Subic-Wrana C, Beutel ME. Z Psychosom Med Psychother. 2009;55(3):215-28.

Prevalence, correlates, and predictors of depersonalization experiences in the German general population. Michal M, Wiltink J, Subic-Wrana C, Zwerenz R, Tuin I, Lichy M, Brähler E, Beutel ME. J Nerv Ment Dis. 2009 Jul;197(7):499-506.

[Screening for depersonalization-derealization with two items of the cambridge depersonalization scale]. Michal M, Zwerenz R, Tschan R, Edinger J, Lichy M, Knebel A, Tuin I, Beutel M. Psychother Psychosom Med Psychol. 2010 May;60(5):175-9.

[Depersonalisation/derealization - clinical picture, diagnostics and therapy].

Michal M, Beutel ME. Z Psychosom Med Psychother. 2009;55(2):113-40.

Depersonalization, mindfulness, and childhood trauma. Michal M, Beutel ME, Jordan J, Zimmermann M, Wolters S, Heidenreich T. J Nerv Ment Dis. 2007 Aug;195(8):693-6.

Pain response in depersonalization: a functional imaging study using hypnosis in healthy subjects. Röder CH, Michal M, Overbeck G, van de Ven VG, Linden DE. Psychother Psychosom. 2007;76(2):115-21.

[Depersonalization, social phobia and shame]. Michal M, Heidenreich T, Engelbach U, Lenz C, Overbeck G, Beutel M, Grabhorn R. Psychother Psychosom Med Psychol. 2006 Sep-Oct;56(9-10):383-9. German.

[The validity of the depersonalisation-derealisation scale of the narcissism--inventory]. Michal M, Kaufhold J, Engelbach U, Lenz C, Lischke M, Overbeck G, Grabhorn R. Psychother Psychosom Med Psychol. 2005 Dec;55(12):512-6. German.

Depersonalization and social anxiety. Michal M, Kaufhold J, Grabhorn R, Krakow K, Overbeck G, Heidenreich T. J Nerv Ment Dis. 2005 Sep;193(9):629-32.

[Assessment of the depersonalization-derealization syndrome using the German version of the Dissociative Experiences Scale]. Michal M, Sann U, Niebecker M, Lazanowski C, Aurich S, Kernhof K, Overbeck G. Z Psychosom Med Psychother. 2004;50(3):271-87.

[The measurement of the depersonalisation-derealisation-syndrome with the German version of the Cambridge Depersonalisation Scale (CDS)]. Michal M, Sann U, Niebecker M, Lazanowsky C, Kernhof K, Aurich S, Overbeck G, Sierra M, Berrios GE. Psychother Psychosom Med Psychol. 2004 Sep-Oct;54(9-10):367-74.

Häufige Fragen (FAQ)

Depersonalisation bedeutet, sich selbst als fremd oder unwirklich zu erleben. Derealisation beschreibt dagegen das Gefühl, dass die Umgebung unwirklich oder wie „durch einen Schleier“ erscheint.

Bei Derealisation verändert sich die Verarbeitung von Wahrnehmung und Gefühlen in Hirnbereichen, die für Emotionen zuständig sind, sodass Erlebtes nicht mehr „echt“ oder emotional verbunden wirkt.

Depression und Depersonalisation treten häufig gemeinsam auf. Viele Menschen mit Depersonalisation berichten auch von depressiven Symptomen wie Gefühllosigkeit oder innerer Leere, was sich teilweise überschneiden kann. Wichtig ist jedoch: Depersonalisation geht oft über typische depressive Symptome hinaus und umfasst zusätzliche Wahrnehmungsveränderungen. In manchen Fällen beginnt sie schon vor einer Depression oder bleibt auch bestehen, wenn die Depression abklingt. Das zeigt, dass Depersonalisation sowohl Teil einer Depression sein kann als auch unabhängig davon auftreten kann.

Ja, DP/DR kann eine Nebenwirkung von Cannabiskonsum sein. Allerdings endet jeder Rausch. Die Droge ist nach einigen Stunden nicht mehr aktiv im Körper. Das heißt auch, dass Cannabiskonsum keine Depersonalisations-Derealisationsstörung verursacht.


Autor: Prof. Dr. med. Matthias Michal

Zuletzt aktualisiert: 21. April 2026