Intensive Psychodynamische Kurzzeit Psychotherapie (ISTDP, Intensive Short-Term Dynamic Psychotherapy) und EAET (Emotional Awareness and Expression Therapy)
Die ISTDP und das abgeleitete gruppentherapeutische Verfahren EAET sind Verfahren der psychodynamischen Psychotherapie. Sie bieten eine vielversprechende Behandlungsoption für Betroffene mit Persönlichkeitsstörungen, funktionellen Körperbeschwerden, Angststörungen und Depressionen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die ISTDP ist eine von Habib Davanloo (1927–2023) begründete tiefenpsychologisch fundierte (psychoanalytische) Therapiemethode, die sich für die Behandlung eines weiten Spektrums psychosomatischer Erkrankungen als hilfreich erwiesen hat.
- Die EAET ist ein vereinfachtes, aus der ISTDP entwickeltes Gruppentherapieverfahren für Patienten mit funktionellen Schmerzen.
- Ein Großteil der Psychotherapeuten unserer Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Unimedizin Mainz befindet sich in fortlaufender Fortbildung in dieser Therapiemethode.
Die Basis der ISTDP – Konflikt- und Personendreieck nach Malan
Ein zentrales Konzept der ISTDP zum Verständnis psychosomatischer Störungen ist das Konflikt- und Personendreieck (Malan 1979). Das Konfliktdreieck veranschaulicht wie psychosomatische Störungen verursacht werden. Ein Stimulus – das kann eine zwischenmenschliche Interaktion oder die Erinnerungen an eine Beziehungserfahrung sein – löst Gefühle (Bedürfnisse, Impulse) aus, die Angst machen und deshalb abgewehrt werden. Angst machen die Gefühle, weil sie in der Kindheit die Beziehung zu den Eltern gefährdet haben (objektiv oder im subjektiven Erleben des Kindes). Die Abwehrmechanismen und die Angstsymptome machen dann das Krankheitsbild aus.
Bei der Depression beispielsweise wird der Ärger in Form von Selbstkritik oder Selbstabwertung gegen das eigene Selbst gerichtet. Statt den anderen niederzuschlagen, schlägt der Depressive sich selbst nieder. Angstsymptome wiederum tragen auch zur Krankheit bei. Angst kann sich als muskuläre Verspannung äußern, zu Bauchkrämpfen und Übelkeit führen oder Schwindel und Denkblockaden hervorrufen.
Das Personendreieck stellt dar wo die emotionalen Konflikte entstanden sind (in vergangenen Beziehung), wo sie sich heute wiederholen, nämlich in der Beziehung zum Personen der Gegenwart (Partner, Kollegen, eigene Kinder) und zum Therapeuten. Die Untersuchung der emotionalen Konflikte in der Übertragung auf den Therapeuten ermöglicht einen direkten Zugang zu den unbewussten bzw. konklikthaften Gefühlen, die in der Kindheit vergraben werden mussten.
D, Defense, Abwehrmechanismen; A, Anxiety, Angst; F/I, Feeling/Impulse, Gefühl/Handlungsimpuls; T, Therapist, Übertragung auf den Therapeuten; C, Current Person, Gegenwartsbeziehungen (z.B. Partner, Chef, Kollegen); P, Past Persons, genetische Personen aus der Vergangenheit (Eltern, Geschwister, etc.). Die beiden Dreiecke veranschaulichen, wie in der ausgelöst durch Erfahrungen mit anderen (Personendreieck), Gefühle ausgelöst werden, die Angst machen und deshalb abgewehrt werden.
Gut zu wissen
Zum Wort Kurzzeit in der ISTDP
Kurzeit steht hier für Effizienz und nicht dafür, dass Therapien nach 12 Sitzungen beendet sein müssen. ISTDP Behandlungen dauern so lange wie notwendig – auch mehr als 100 Stunden. Ziele der ISTDP sind die Verbesserung der körperlichen und seelischen Beschwerden und darüber hinaus die Umstrukturierung der Art und Weise wie ein Mensch mit sich und anderen in Beziehung tritt. Der Patient soll fähig werden „zu lieben, zu arbeiten und genießen zu können“.
Studienlage zu ISTDP
Die ISTDP zählt zu den am besten evaluierten psychodynamischen Therapieverfahren. Insbesondere für Patienten, die hoch belastet sind oder die von Vorbehandlungen nicht gut profitiert haben, gibt es gute Belege für die Wirksamkeit der ISTDP. Die ISTDP ist aber kein „Wundermittel“ – auch hier scheitern Behandlungen.
Zur Wirksamkeit der ISTDP gibt es besonders viele Studien für chronische Depressionen, Schmerzen und anderen körperliche Beschwerden sowie Persönlichkeitsstörungen (Abbass, Town 2024).
Die Emotional Awareness and Expression Therapy (EAET)
Die EAET ist ein von der ISTDP abgeleitetes und vereinfachtes gruppentherapeutisches Verfahren, das speziell für Patienten mit funktionellen Schmerzen (z.B. Fibromyalgie) entwickelt wurde.
Erste Studien zeigen eine sehr gute Wirksamkeit und Zufriedenheit mit diesem Therapieansatz. Diese Kurzzeit-Gruppentherapie scheint besonders gut für Patienten geeignet zu sein, denen es nicht zu schwerfällt, sich anderen Menschen in der Gruppe emotional anzuvertrauen und eigenständig psychotherapeutische Hausaufgaben zu machen.
Wir planen eine erste EAET Gruppe ab Herbst 2026.
Das Rationale der EAET
- Schmerzreduktion durch Veränderung der emotionalen Verarbeitung belastender Beziehungserfahrungen.
- Verbesserung der emotionalen Selbstwahrnehmung und -regulation.
- Bearbeitung von Traumata und Konflikten, die Schmerzen aufrechterhalten.
- Stärkung der emotionalen Ausdrucksfähigkeit im realen Leben, z. B. durch gesunde Kommunikation und Grenzsetzung.
Aufbau der EAET-Therapie
Die EAET wird als strukturierte Gruppentherapie durchgeführt werden. Folgende Bestandteile kommen in der Regel vor:
3. Emotionale Expression und „Rescripting“
Der Patient übt, die „richtige Emotion am richtigen Ort“ auszudrücken – nicht sekundäre Emotionen an Ersatzzielen. Dabei kann er seine Geschichte neu schreiben, indem er neue, adaptive Emotionen (z. B. Zorn, Liebe) einfügt, die ursprünglich unterdrückt wurden.
Gut zu wissen
Besonderheiten der EAET
- EAET fokussiert auf die emotionale Verarbeitung bisher vermiedener, weil angstmachender, Gefühle.
- Sie kann kurzfristig (z. B. 1 Sitzung) oder längerfristig (bis zu 8 Sitzungen) durchgeführt werden.
Wirkung der EAET
EAET hat in mehreren randomisierten Studien gezeigt, dass sie Schmerzen und Beeinträchtigungen signifikant reduziert – oft sogar besser als kognitive Verhaltenstherapie (CBT). Psychische Symptome wie Depression oder Angst verbessern sich häufig erst nach längerer Zeit (6 Monate).
EAET ist also eine zielgerichtete, emotionale Therapie, die den Patienten dabei unterstützt, Schmerzen durch emotionale Klärung und Ausdruck zu lindern – nicht durch Vermeidung, sondern durch konfrontative Verarbeitung.
Häufige Fragen (FAQ)
Ausbildungs- und Behandlungszentren für ISTDP gibt es mittlerweile auf allen Kontinenten. In Europa ist die ISTDP vor allem in den skandinavischen Ländern stark vertreten.
Ja. Die ISTDP bieten wir z. B. bei therapieresistenten Depressionen oder anderen komplexen psychosomatischen Störungen an. Eine erste EAET-Gruppe für Patientinnen und Patienten mit funktionellen Schmerzen planen wir ab Herbst 2026.
Zunächst bieten wir einen ambulanten Ersttermin, in dem wir Ihre aktuellen Beschwerden und Krankheitsgeschichte bestmöglich verstehen möchten. Anschließend besprechen wir mit Ihnen das weitere Vorgehen.
Autor: Prof. Dr. med. Matthias Michal
Zuletzt aktualisiert: 26. Mai 2026