Schwerpunkt Fatigue und Chronische Erschöpfung an der Psychosomatischen Klinik in Mainz
In Deutschland leiden etwa 30 % der Erwachsenen unter Erschöpfungszuständen, die einen der häufigsten Gründe für Arztbesuche weltweit darstellen.
Wenn ständige Müdigkeit und extreme Erschöpfung über längere Zeit bestehen und tief in den Alltag eingreifen, bieten wir eine psychologische Begleitung und Hilfestellung bei ausgeprägter seelischer Belastung.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Fatigue, chronische Müdigkeit oder anhaltende Erschöpfung sind häufig das Resultat multipler biopsychosozialer Einflussfaktoren und können zu massiver Beeinträchtigung im Alltag führen.
- Wir bieten umfassende psychotherapeutische Diagnostik – nach internistischer und neurologischer Vordiagnostik – unter Berücksichtigung körperlicher, psychischer und sozialer Faktoren (biopsychosozialer Ansatz).
- Unsere Evidenz-basierten multimodalen Therapien – ambulant, tagesklinisch oder stationär – bieten passgenaue Hilfe bei chronischer Müdigkeit und Fatigue.
- Ein erfahrenes multidisziplinäres Team mit wissenschaftlicher Expertise und enger Zusammenarbeit mit anderen Fachkliniken steht Betroffenen zur Verfügung.
Wichtiger Hinweis: Medizinische Diagnostik vor Terminvereinbarung
Vor einer Terminanfrage an unsere Klinik bitten wir stets um die internistische und neurologische Vordiagnostik.
Wenn diese abgeschlossen ist und keine hinreichende Erklärung der Beschwerden geliefert hat, vereinbaren Sie gerne einen ambulanten Ersttermin.
Kurz erklärt: Fatigue Syndrom und ständige Müdigkeit – Die komplexen Ursachen extremer Erschöpfung
Warum ist ein biopsychosozialer Ansatz sinnvoll?
Fatigue ist ein komplexes Beschwerdebild. Anhaltende Erschöpfung entsteht meist nicht durch eine einzelne Ursache, sondern durch das Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Faktoren. Körperliche Erkrankungen, Entzündungsprozesse, Schlafstörungen, hormonelle Veränderungen, Medikamente, Stress, emotionale Belastungen, Schonverhalten, Überforderung oder auch soziale Rückzugsprozesse und Einsamkeit können sich gegenseitig verstärken und dazu beitragen, dass Müdigkeit bestehen bleibt.
Ein biopsychosozialer Ansatz bedeutet deshalb nicht, Fatigue „nur psychisch“ zu erklären. Im Gegenteil: Er nimmt die Beschwerden ernst und betrachtet, wie körperliche Prozesse, Nervensystem, Emotionen, Verhalten und Lebensumstände zusammenwirken. Gerade bei anhaltender Fatigue ist es wichtig, sowohl mögliche somatische Ursachen sorgfältig abzuklären als auch psychophysiologische Mechanismen zu berücksichtigen, die Erschöpfung aufrechterhalten oder verstärken können.
Ziel: ein möglichst genaues Krankheitsverständnis
Welche Faktoren haben die Fatigue ausgelöst? Welche halten sie aufrecht? Und an welchen Stellen kann Behandlung sinnvoll ansetzen? Ein biopsychosoziales Modell hilft, individuelle Zusammenhänge zu erkennen und daraus eine passende, realistische und wirksame Behandlungsstrategie zu entwickeln.
Der Teufelskreis der Müdigkeit
Anhaltende Erschöpfung kann sich im Verlauf verselbstständigen. Dabei können unterschiedliche Muster entstehen, die die Beschwerden aufrechterhalten oder verstärken.
Manche Betroffene reduzieren ihre Aktivität aus Angst vor weiterer Erschöpfung, vor körperlicher Verschlechterung oder aus Unsicherheit im Umgang mit den Beschwerden. Dieses nachvollziehbare Schon- und Vermeidungsverhalten kann langfristig dazu führen, dass körperliche Belastbarkeit, Selbstvertrauen und Teilhabe weiter abnehmen. Alltägliche Tätigkeiten werden dann zunehmend als anstrengend erlebt, was Rückzug und Erschöpfung weiter verstärken kann.
Andere Betroffene gehen immer wieder über ihre Grenzen. Häufig stehen dahinter ein starkes Pflichtgefühl, hohe Ansprüche an sich selbst oder die Schwierigkeit, eigene Körpersignale rechtzeitig wahrzunehmen und ernst zu nehmen. In diesem Muster wechseln sich Überforderung und Zusammenbruch ab: Phasen des Durchhaltens führen zu deutlicher Verschlechterung, längerer Erholung und erneuter Erschöpfung.
Beide Muster können Teil eines Teufelskreises der Müdigkeit sein. Ein wichtiger Teil der Behandlung besteht daher darin, das individuelle Muster zu erkennen: Geht es eher um Angst, Vermeidung und Rückzug? Oder eher um Überforderung, inneren Druck und das wiederholte Überschreiten eigener Grenzen?
Unser Angebot und Ablauf bei Fatigue und Chronischer Erschöpfung
Unser Schwerpunkt „Fatigue“ richtet sich an Menschen mit anhaltender Erschöpfung und chronischen Müdigkeitssymptomen. Wir bieten spezifische, wissenschaftlich fundierte Diagnostik, die körperliche, psychische und soziale Aspekte gleichermaßen berücksichtigt.
Unser Angebot folgt einem strukturierten Ablauf. Ziel ist es, ein möglichst genaues Verständnis der Beschwerden zu entwickeln und daraus eine individuelle, passgenaue Behandlungsempfehlung abzuleiten.
1. Vorab: Internistische und neurologische Vordiagnostik als Basis
Vor der ersten Vorstellung in unserer psychosomatischen Klinik ist eine aktuelle hausärztlich-internistische und neurologische Diagnostik zwingende Voraussetzung.
Ziel ist es, mögliche körperliche Ursachen der Beschwerden zu erkennen und behandelbare somatische Erkrankungen im Interesse der Betroffenen im Vorfeld auszuschließen im Sinne einer leitliniengerechten Simultandiagnostik.
2. Terminvereinbarung Erstgespräch
Wenn sich keine ausreichende körperliche Erklärung findet, die Beschwerden trotz Behandlung bestehen bleiben oder zusammen mit psychischen beziehungsweise psychosozialen Belastungen auftreten, können Sie gerne einen ambulanten Ersttermin in unserer Sprechstunde vereinbaren.
Bitte verwenden Sie hierfür unser Kontaktformular. Auf dieser Grundlage können wir Ihre Anfrage prüfen und Ihnen ein passendes Terminangebot zukommen lassen.
3. Psychosomatische Diagnostik – Biopsychosozialer Ansatz
Bitte bringen Sie zu Ihrem Termin alle relevanten Befunde mit, insbesondere Arztbriefe, Laborwerte, radiologische Befunde und neurologische oder internistische Voruntersuchungen.
Auf Basis Ihrer Vorbefunde führen wir in unserer spezialisierten Ambulanz eine umfassende psychosomatische Diagnostik durch.
In der Diagnostik betrachten wir körperliche, seelische und soziale Faktoren gemeinsam. Ziel ist es, besser zu verstehen, welche Faktoren zur Entstehung der Erschöpfung beigetragen haben und welche sie aktuell aufrechterhalten oder verstärken.
Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Differenzialdiagnostik unterschiedlicher Erschöpfungszustände. Dabei ist es wichtig zu unterscheiden, ob Betroffene eher von einer behutsamen Aktivierung, einer Veränderung von Belastungs- und Erholungsmustern oder von einem konsequenten Energiemanagement im Sinne von Pacing profitieren.
Unsere Diagnostik umfasst unter anderem:
- eine ausführliche Anamnese zur Krankheitsgeschichte, aktuellen Beschwerden und Lebenssituation
- standardisierte Fragebögen zur Erfassung von Fatigue, Belastungsfaktoren und Begleitsymptomen
- bei Hinweisen auf psychische Begleiterkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Traumafolgestörungen: eine ergänzende psychische Diagnostik mittels Screening-Fragebögen und klinischem Gespräch
- Empfehlungen bzgl. weiterer Diagnostik nach Bedarf, zum Beispiel ergänzender Laboruntersuchungen oder fachärztlicher Mitbeurteilungen.
Multimodale Therapie von Müdigkeit und Chronischer Erschöpfung
Die Fatigue Behandlung in unserer Klinik wird je nach Ausprägung und Bedarf tagesklinisch oder stationär durchgeführt. Wir helfen Ihnen dabei, Müdigkeit als psychophysiologisches Symptom besser zu verstehen und zu bewältigen. Gemeinsam bearbeiten wir konkrete emotionale Belastungen und helfen dabei, belastende Teufelskreise zu durchbrechen und die Alltagsbewältigung wieder herzustellen.
Unser Vorgehen orientiert sich an der aktuellen ärztlichen Leitlinie „Müdigkeit“ der AWMF.
Unser Angebot orientiert sich am individuellen Schweregrad der Erkrankung und umfasst insbesondere:
- Multimodale Therapie: Kombination aus psychotherapeutischen Gesprächen, Psychoedukation, Entspannungsverfahren, soziale Beratung, etwa zur beruflichen Wiedereingliederung.
- Umgang mit Begleitsymptomen: Gezielte Hilfen bei Schlafstörungen, Schmerzen oder kognitiven Einschränkungen.
- Pacing und Energiemanagement: Wir unterstützen die Betroffenen dabei, die eigenen körperlichen Signale wieder lesen zu lernen, um gesunde Grenzen setzen zu können.
Unser Expertenteam für Fatigue und Chronisches Müdigkeitssyndrom
Unser spezialisiertes Team zu Fatigue unter Leitung von Dr. med. Jasmin Ghaemi der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie verfügt über langjährige Erfahrung in der Diagnostik und Therapie von Patientinnen und Patienten mit Fatigue. Betroffene profitieren zudem von unserem interdisziplinären Ansatz; wir arbeiten bei Bedarf fachübergreifend mit dem UCT (Universitäres Centrum für Tumorerkrankungen), der Neurologischen Klinik, dem Zentrum für Kardiologie, oder weiteren Fachkliniken zusammen.
Im Rahmen der Beteiligung an großen Forschungsprojekten zu COVID-19 haben wir umfassende Einblicke und Erkenntnisse gewonnen und sind selbst an der weiteren Erforschung der Ursachen, Biomarker und Behandlung beteiligt.
Weitere Informationen:
Häufige Fragen – Wissen kompakt
Unter Müdigkeit, oder auch Fatigue, versteht man ein subjektives Empfinden von Energiemangel, das kognitive, emotionale und körperliche Aspekte umfasst. Neben ganz natürlichen Gründen wie Schlafmangel oder körperlicher Anstrengung tritt Müdigkeit als Symptom bei vielen Erkrankungen auf. Wenn Müdigkeit trotz gesunder Lebensgestaltung, etwa mit ausreichend Schlaf und Bewegung, anhält, kann dies auf eine krankhafte Müdigkeit hinweisen.
Während Müdigkeit oft als Begleitsymptom auftritt, ist das Chronische Müdigkeitssyndrom, oder Chronisches Fatigue-Syndrom (CFS), eine eigenständige Multisystemerkrankung. Die Diagnose wird gestellt, wenn über mindestens sechs Monate eine tiefgreifende Erschöpfung besteht, die mit nicht erholsamem Schlaf sowie Brain Fog (Konzentrationsstörungen) oder orthostatischer Intoleranz (Kreislaufproblemen beim Aufstehen) einhergeht.
Die Liste der Ursachen für eine krankhafte Müdigkeit ist lang und vielfältig; häufig liegen mehrere mögliche Ursachen gleichzeitig vor (multifaktoriell) und erfordern eine umfassende Diagnostik.
Hier einige häufige Beispiele:
- Organische Faktoren / Erkrankungen, z. B. Anämie (Blutarmut), Schilddrüsenerkrankungen, Schlafapnoe, Schlafstörungen, Adipositas, chronisch-entzündliche oder bösartige Erkrankungen (Krebs), Diabetes mellitus, Infektassoziierte Müdigkeit und Post-COVID-Syndrom.
- Psychosoziale Belastungen, die als alleinige Ursache (= funktionelle Störung LINK) oder in Kombination mit anderen Störungen und Erkrankungen zu Müdigkeit führen können.
- Psychische Erkrankungen, z. B. Depressionen und Angststörungen sind häufig mit Fatigue assoziiert.
- Bestimmte Medikamente, wie Blutdrucksenker oder Antihistaminika, sowie Substanzmissbrauch (Tabak, Alkohol, Drogen).
- Lebensstilfaktoren können Müdigkeit auslösen oder verstärken, etwa Bewegungsmangel.
Müdigkeit als funktionelle Störung bedeutet, dass das Zusammenspiel der Körperfunktionen aus dem Gleichgewicht geraten ist, obwohl die Organe unbeschädigt sind bzw. keine hinreichende Erklärung auf somatischer Ebene vorliegt. Es kommt dabei zu einer Fehlsteuerung automatischer körperlicher Abläufe, die häufig im Zusammenhang mit Stress auftreten. Solche Zustände entstehen, wenn das Gehirn durch chronischen Stress in einem dauerhaften Alarmzustand ist.
Bei funktioneller Müdigkeit ist es wichtig und möglich, das Vertrauen in den eigenen Körper schrittweise zurückzugewinnen. Vorsichtiges Steigern der Aktivität, Achtsamkeit für eigene Grenzen, Ablenkung und die Pflege von Kraftquellen wirken oft besser als reine Schonung. Ein stabiler Lebensrhythmus und eine gesunde Lebensführung unterstützen den Selbstregulationsprozess des Körpers und können wieder zur normalen Funktion führen.
Wenn Patientinnen und Patienten mehr als 3 Monate nach einer SARS-CoV-2-Infektion andauernde Beschwerden haben, für die keine andere Ursache vorliegt, spricht man vom Post COVID-Syndrom (PCS). Während es vorkommt, dass von PCS Betroffene nicht unter Müdigkeit leiden, so gilt die Fatigue doch als Leitsymptom.
Bei besonders schwerer Ausprägung wird die Erkrankung als „ME/CFS“ bezeichnet, die auch nach anderen Viruserkrankungen, z. B. Influenza, auftreten kann. Sehr häufig leiden Betroffene unter post-exertioneller Malaise (PEM). Bei langwierigen Verläufen und ausgeprägter Symptomatik können Betroffene bis hin zur Bettlägerigkeit eingeschränkt und auf umfassende Unterstützung angewiesen sein.
Auch wenn bislang keine ursächliche Therapie möglich ist, ist die gute Nachricht für Betroffene, dass sich eine Besserung mit der Zeit von selbst einstellt: Wie viele Studien belegen, klingen die Beschwerden allmählich ab und verschwinden in aller Regel vollständig.
Unter der Post-Exertionellen Malaise (PEM) versteht man eine anhaltende Verschlechterung der Erschöpfung, die mindestens am Folgetag nach bereits geringer Anstrengung im Alltag anhält. Betroffene erleben häufig, dass ihr Körper auf leichte körperliche oder geistige Aktivitäten mit einem massiven Energieeinbruch reagiert. PEM wird im Zusammenhang mit ME/CFS, aber auch mit anderen körperlichen Erkrankungen berichtet.
Pacing ist eine Management-Strategie, bei der Patientinnen und Patienten lernen, ihre Aktivitäten so zu dosieren, dass sie ihre individuellen Belastungsgrenzen nicht überschreiten. Damit kann eine Verschlechterung der Symptome durch PEM zu verhindert werden.
Oberärztin, Leitung Ambulanz und Konsildienst
Zuletzt aktualisiert: 16. Juli 2026